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Die kleinste Schule der Welt (Gelesen: 53021 mal)
Anait
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Isernhagen bei Hannover
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Die kleinste Schule der Welt
06.01.10 um 12:35:54
 
Nochmal zu Regel II:
"With a little help from my friends..."
Wie ich mir das vorstelle, das habe ich 2004 in Form eines Kinderbuchs dargestellt. Leider ist mir kurz nach der Veröffentlichung mein Verlag (New Orleans hieß der) abhanden gekommen nebst ISBN.
Dann habe ich das Buch nochmal überarbeitet, Illustrationen dazu angefertigt und es 2005 im Selbstverlag rausgebracht.
Ihr könnt es gerne mal lesen. Ich häng es an.
Leider ohne Illustrationen, sorry, aber die waren heute morgen auf der CD nicht mehr drauf (huch!), ich habe keinen Scanner, aber ich liefere die nach. Dann könnt Ihr Euch das ausdrucken, Spiralbindung und fertig. Kostet fast nix, es handelt sich bei dem Buch nämlich um Freeware Zwinkernd!

Liebe Grüße

Anait

Oh je, jetzt spinnt auch noch meine pdf-software, das Buch wurde gerade rückwärts als pdf-Datei gedruckt. Also bitte von hinten anfangen - wie bei ner guten Tageszeitung Laut lachend.

Nochmal oh je, jetzt lässt sich das nicht anhängen, weil zu große Datei. Na gut, dann kommt jetzt einfach Kapitel 1, und damit basta!

Die kleinste Schule der Welt


1.      Kapitel

Die Geschichte von der kleinsten Schule der Welt fing an einem Mittwoch im April an. Die Sonne schien warm und freundlich auf einen kleinen Jungen namens Will Washington. Will war genauso ein Junge wie alle anderen auch. Er hatte ein Fahrrad und ein Skateboard. Er spielte gern Fußball, aber noch lieber Basketball.
Will zog jeden Morgen saubere Sachen an. Und komisch: Jeden Abend waren die Sachen so schmutzig, dass sie in die Waschmaschine mussten. Wo dieser viele Schmutz im Laufe des Tages herkam, das konnte Will seiner Mutter nie richtig erklären. Er war eben viel unterwegs, in der Nachbarschaft, auf dem Spielplatz oder auf einem alten Fabrikgelände, wo niemand mehr arbeitete und wo es gefährliche Geheimverstecke, alte Holzstapel und selt- same, verrostete Maschinen gab. Manchmal radelte er auch zum kleinen Fluss, um Fische zu fangen.
Meistens war Will ganz allein unterwegs. Denn obwohl er ein ganz normaler Junge war, hatte er keine Freunde. Das lag an Wills Hautfarbe. Die war nämlich schoko-ladenbraun. Die Kinder in seiner Nachbarschaft machten sich über sein Aussehen lustig und riefen immer „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ hinter ihm her. Oder sie alberten:
     „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand!“
Darüber war Will oft so traurig, dass er weinend zu seiner Mutter lief. Die nahm ihn dann in die Arme und sagte:
     „Mein lieber kleiner Sohn, das machen die anderen Kinder doch nur, weil es ihnen selber nicht gut geht. Sei nicht so traurig. Ich weiß genau, du findest bestimmt bald einen Freund.“
Auch heute, an diesem sonnigen Mittwoch im April, war Will allein unterwegs. Er  wollte zum alten Fabrik-gelände, denn da hatte er vor kurzem eine Rumpel-kammer entdeckt. Dort gab es eine alte Hobelbank mit  allerhand verstaubten Werkzeugen. Heute wollte er in der Rumpelkammer ein bisschen aufräumen. Er dachte nämlich: So eine Werkstatt kann man gut brauchen, wenn man acht Jahre alt ist und sich dringend selber Spielsachen bauen will.

Doch heute war alles anders als sonst auf dem verwahr-  losten Fabrikgelände. Er schlängelte sich wie üblich durch ein Loch im Drahtzaun und ging über die mit Unkraut bewachsene Asphaltfläche auf das große, alte Ziegelgebäude zu. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Mitten auf der Treppe, die zu der Rumpelkammer führte, auf seiner Geheimtreppe, direkt vor seiner neuen Geheimwerkstatt, saß jemand. Es war ein kleiner, runder Junge mit Pausbacken und wild in alle Richtungen stehenden, blonden Haaren. Um den Kopf hatte er ein rotes Stirnband und in den Händen hielt er ein Brötchen und eine Flasche mit Kakao. Will kam näher und guckte den Jungen aus seinen großen, braunen Augen verwun-dert an. Der Junge biss ein ordentliches Stück von seinem Brötchen ab, kippte einen Schluck Kakao hinterher und sagte:
     „Hi!“
Will sagte auch:
     „Hi!“
Dann schwiegen beide erst mal ein Weilchen, denn der blonde Junge hatte mit Kauen und Schlucken zu tun.
Will fragte höflich:
     „Wo kommst du denn her?“
     „Von zuhause. Was hattest du gedacht, wo ich her-komme?“
     „Weiß nicht. Ich will nur wissen, was du hier machst.“
Der Junge sagte:
     „Ich esse und trinke.“
     „Ah ja, guten Appetit.“
     „Danke.“
Wieder schwiegen beide. Will überlegte, ob er den Jun- gen nett finden sollte. Irgendwie war der ein bisschen komisch, guckte so starr vor sich hin, als ob er sich gar nicht für Will interessieren würde. Will fragte:
     „Warum hast du das Stirnband um?“
Der Junge sagte:
     „Weil das voll cool aussieht.“
Ja, das stimmte. Es sah eindeutig voll cool aus. Der Junge redete weiter:
     „Außerdem ist das mein Erkennungszeichen, genau wie meine grünen Klamotten. Ich zieh nämlich nie was anderes als grüne Klamotten an.“
Will war erstaunt:
     „Warum das denn?“
Der Junge sagte in leicht verächtlichem Tonfall:
     „Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und ich habe eine Hoffnung. Aber das geht dich gar nichts an.“
Will wurde neugierig:
     „Was ist das denn, eine Hoffnung?“
Der Junge wurde noch verächtlicher:
     „Wie, du weißt nicht, was eine Hoffnung ist?“
Will sagte:
     „Kann sein, dass ich es doch weiß, aber ich bin noch nicht so lange in Deutschland und kenne noch nicht alle Wörter. Ich komme nämlich aus Togo. Und du hast garantiert keine Ahnung, wo das liegt!“
Der Junge schwieg und trank ausgiebig aus seiner Kakao- flasche. Dann sagte er:
     „Also, ne Hoffnung, das ist was, worauf man sich freut, was aber vielleicht nicht passiert.“
     „Ach so, ja, dann weiß ich, was eine Hoffnung ist. Mein Vater sagt immer: Ich freue mich so darauf, wenn wir eines Tages alle unsere Freunde und Verwandten in Togo wiedersehen. Aber es kann sein, dass wir da nie- mals im Leben mehr hinfahren dürfen.“
Der Junge fragte:
     „Warum dürft ihr denn da nicht hinfahren?“
     „Weil mein Vater und unsere ganze Familie aus Togo fliehen musste.“
Der Junge guckte plötzlich interessiert:
     „Wieso fliehen? Ich meine, waren etwa Verbrecher hinter euch her? Und wo liegt denn Togo nun genau?“
Will grinste etwas und sagte:
     „Togo liegt in Afrika. Mein Vater hat dort für eine große Zeitung Berichte geschrieben. Und in den Berich- ten stand drin, dass die Regierung selber die Gesetze nicht einhält, dass es eine schlechte Regierung ist, eine Diktatur.“
Bei dem Wort Diktatur zuckte der blonde Junge leicht zu- sammen. Vielleicht fiel ihm gerade ein, dass er für die Schule noch ein Diktat üben musste. Will sagte weiter:
     „Und dann hat die Regierung in Togo meinen Vater ins Gefängnis gesperrt und wollte ihn wegen seiner Berichte zum Tode verurteilen. Aber das hat meine Mutter gar nicht eingesehen, sagt sie, da hat sie dann überall in der Welt nach Ländern gesucht, wo mein Vater mit uns hinfliehen kann, und deshalb sind wir jetzt seit zwei Jahren hier.“
Der Junge sagte:
     „Cool!“
Er biss von seinem Brötchen ab und sagte kauend:
     „Deshalb hab ich ja zusätzlich das rote Stirnband. Rot steht nämlich für Liebe. Ich finde, es sollte ein bisschen mehr Liebe auf der Welt geben. Später werde ich Rockmusiker, und dann sage ich das den Leuten mit meiner Musik.“
     „Oh!“, sagte Will, „das klingt voll abgefahren! Wie heißt du überhaupt?“
Der Junge sagte:
     „Ich heiße Steffen Starkstrom.“
     „Ich bin Will Washington, und wenn ich groß bin, dann werde ich Präsident von Amerika.“
Steffen lächelte plötzlich:
     „Hej! Das ist echt voll der coole Plan!“
Will nickte:
     „Ja“
Irgendwie wurden die beiden Jungen nun ein bisschen verlegen, denn sie hatten sich gegenseitig so viele  Sachen erzählt, die sie normalerweise niemandem sagen würden, und das fühlte sich so seltsam vertraut an. Dabei kannten sie sich doch noch gar nicht! Steffen aß erst mal sein Brötchen auf, trank seinen Kakao aus und sagte:
     „Ich wollte mich hier mal näher umsehen, denn ich suche einen Übungsraum für meine Band.“
Will bekam noch größere Augen als er ohnehin schon hatte, und fragte ehrfürchtig:  
     „Was, du hast eine eigene Band?“
Steffen murmelte:
     „Nee, das nicht. Aber ich könnte ja eine haben, und dann brauchen wir doch einen Raum zum Üben, das leuchtet ja wohl ein, oder?“
Will fand, dass das total einleuchtete. Er sagte:
     „Ich kenne mich hier gut aus, weil ich schon ganz oft hier war. Soll ich dir mal alle Räume und Schuppen zei- gen, in die man rein kann?“
     „Au ja“, erwiderte Steffen, „wir machen einen Rund- gang.“

Er stand auf und zog seinen verrutschten, grünen Pull-over zurecht. Er war einen Kopf kleiner als Will und wirklich ziemlich dick. Will hatte ihn wohl etwas zu lange angeguckt, denn er sagte in trotzigem Tonfall:
     „Rocker dürfen dick sein.“
Will guckte weg und dachte, dass er nur sehr wenig über Rocker wusste. Er wollte auch lieber nicht nachfragen, weil er das Gefühl hatte, dass Steffen gerade schlechte Laune bekommen hatte. Also sagte er:
     „Komm, ich zeige dir erst mal die Fabrikhalle.“
Eigentlich war es keine richtige Halle, mehr eine große Werkstatt. Aber da hing ein altes, verwittertes Schild an der Ziegelwand über dem großen, hölzernen Tor, wo „Dittmers Fahrradfabrik“ draufstand. Es war eben eine kleine Fabrik gewesen. Will gefiel der Gedanke, dass hier früher mal viele Leute gearbeitet und Fahrräder her- gestellt hatten. Er sagte zu Steffen:
     „Wir müssen auf die Rückseite des Gebäudes gehen, da ist ein Fenster kaputt, durch das wir reinklettern können.“
Um an das Fenster zu kommen, mussten sie durch allerhand Gestrüpp kriechen. Unterhalb des kaputten Fensters stand eine umgedrehte, alte Holzkiste.
     „Die hab ich da extra hingestellt, sonst kommt man nicht an das Fenster ran. Du musst aufpassen, dass du dir die Hände nicht an den zerbrochenen Glasstücken schneidest. Hier, ich hab ein paar Lappen unter der Kiste versteckt, die kannst du dir um die Hände wickeln.“          
Steffen war wohl noch nie in seinem Leben in eine alte Fabrik geklettert, denn er guckte etwas ängstlich und fragte:
     „Dürfen wir denn überhaupt hier rein?“
     „Klar“, sagte Will, „hier ist nie ein Mensch. Das gehört bestimmt keinem.“
     „Woher willst du das so genau wissen?“, fragte Steffen. Will fand die Frage blöd. Er sagte:
     „Ich habe diese Fabrik schließlich gefunden. Ich ganz alleine. Also, wenn die wem gehört, dann mir.“
Ja, das sah Steffen ein, und so kletterte er hinter Will durch das Fenster. Im Innern der Fabrik sah es gar nicht so verlassen aus, wie er gedacht hatte. Vor den Fenstern befanden sich alte massive Werkbänke mit vielen grünen Schubladen. Mitten in der Halle standen in schöner Ordnung große, metallene Ungetüme, die von einer Staubschicht und vielen Spinnweben überzogen waren. Die Spinnennetze glitzerten fremdartig im Sonnenlicht.  Will sagte:
     „Das sind die Maschinen, mit denen die Fahrradteile hergestellt worden sind.“
Steffen schien gar nicht zuzuhören. Er strich mit einem Finger etwas  Staub von einem der Metallungetüme.
     „Grün!“, sagte er und schaute verträumt ins Sonnen- licht. „Ob es hier auch eine Hoffnung gibt?“
Will runzelte die Stirn und guckte ihn etwas schief von der Seite an. Ob der vielleicht doch etwas spinnert war, der Steffen mit seinem Grün? Er sagte:
„Hm, das mit deiner Hoffnung scheint ja irgendwie ein Problem zu sein.“
Steffen guckte ihn an und sagte gar nichts. Er sah plötzlich ganz winzig und einsam aus. Will fühlte sich davon unbehaglich. Er machte eine Schublade auf und sagte:
     „Guck mal, alle Schubladen sind leer. Die haben alle Werkzeuge mitgenommen, als sie die Fabrik geschlossen haben.“
Steffen stand immer noch klein und kümmerlich neben der großen Maschine.
Dann suchte er in seiner Hosentasche herum und sagte:
     „Mist, ich habe gar nichts mehr zu essen.“
Will merkte, dass er auch Hunger hatte, aber jetzt wollte er doch erst mal wissen, was mit dem kleinen Wicht eigentlich los war.
     „Steffen“, sagte er, „mir geht ´s auch oft nicht gut. Immer ärgern mich die andern Kinder. Die sind total fies zu mir. Du kannst mir ruhig mal sagen, warum du eine Hoffnung hast.“
Steffen schwieg vor sich hin. Will merkte, dass er über-legte, ob er ihm von seinen Sorgen erzählen sollte.
     „Komm schon“, sagte er, „hier hört es doch niemand außer mir.“
Nach einer Weile sagte Steffen mit einer ganz leisen Stimme:
     „Es ist wegen meiner Mutter. Sie ist ganz doll krank. Sie muss vielleicht sterben. Und ich will nicht, dass sie stirbt.“
Will fühlte sich im Innern plötzlich etwas zittrig. Er musste an seine eigene Mama denken und sagte:
     „Deine arme Mama. Bestimmt ist sie auch ganz traurig. – Jetzt verstehe ich, warum du eine Hoffnung hast. Du hoffst, dass sie wieder gesund wird.“
Steffen nickte. Will dachte: Hoffentlich fängt der jetzt nicht zu heulen an, dann fange ich auch an. Am liebsten wäre er zu Steffen hingegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Aber das ging ja nicht, er kannte ihn ja erst seit einer Stunde. Stattdessen sagte er:
     „Komm, Steffen, wir gehen. Wenn du willst, kannst du auf einen Sprung mit zu mir nach Hause kommen. Ich lade dich zum Abendbrot ein.“
Steffen hatte die ganze Zeit reglos auf den Boden gestarrt. Jetzt hob er den Kopf und guckte Will mit dem liebsten Blick an, mit dem ihn je ein Kind angeguckt hatte. Er sagte:
     „Das ist aber nett von dir.“
Sie kletterten durch das zerbrochene Fenster wieder ins Freie und verstauten die Lappen unter der Kiste. Beiden war klar, dass sie bald wiederkommen würden. Dann krochen sie durch das Gestrüpp, klopften sich die Erde und trockenen Blätter von den Kleidern und gingen dann einträchtig durch die Straßen des Vororts der großen Stadt zu Wills Wohnung. Sie redeten fast nichts. Denn beide hatten viel zu denken. Es waren fast die gleichen Gedanken, die ihnen durch den Kopf gingen. Will dachte: Vielleicht habe ich endlich einen Freund gefunden. Und Steffen dachte: Es ist schön, wenn einer einen versteht.



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« Zuletzt geändert: 12.01.10 um 16:39:05 von HighJump »  

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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #1 - 06.01.10 um 14:57:52
 
also jetzt will ich wissen wie es weiter geht!  Smiley

lieben gruß

Fabs
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Anait
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #2 - 07.01.10 um 18:41:41
 
2. Kapitel

Nach einer Weile erreichten Will und Steffen ein großes Haus, das früher einmal weiß gewesen sein musste, mit etwas Gras und Mülltonnen drum herum.
     „Hier lang geht ´s“, sagte  Will und bog in den Plattenweg ein, der zur offen stehenden Haustür führte. Sie betraten einen dunklen Hausflur mit vielen Türen und einer breiten, alten Treppe, die ganz ausgetretene Stufen hatte. Steffen merkte, dass es etwas merkwürdig roch. Auch lagen da Zeitungen und Werbeprospekte durcheinander gewirbelt auf den Treppenstufen. Von den Wänden hingen hier und da die Tapeten herunter und der dunkelbraune Lack auf den Türen blätterte ab. Es war nicht gerade anheimelnd und säuberlich in diesem Hausflur.
Will machte eine großzügige Handbewegung, so als wollte er den Zustand des Hauses einfach wegwischen. Er sagte:
     „Hier wohnen viele Familien und keiner von all den Leuten hat Lust, diesen blöden Flur sauber zu machen.“
Klar, dazu hätte Steffen auch keine Lust gehabt.
Will ging den Flur entlang bis zur letzten Tür und klopfte an. Die Tür wurde von Innen aufgeschlossen, und da stand eine Frau, die Wills Mutter sein musste, und sagte, als hätte sie niemand anderen als Steffen erwartet:
     „Ah, Will, schön, dass du deinen Freund mitgebracht hast. Kommt rein, ihr zwei.“
Steffen war gespannt, wie Wills Zuhause aussehen würde. Was er dann allerdings sah, erstaunte ihn sehr. Wills Zuhause bestand nämlich nur aus einem einzigen Zimmer. In dem Zimmer befanden sich drei Etagen- betten, ein Esstisch, eine Reihe Stühle, zwei Schränke und eine Küchenecke, außerdem Wills Mutter, Wills Vater und drei kleine Jungen, die auf den ersten Blick genauso wie Will aussahen, nämlich schokoladenbraun mit dicken, krausen, schwarzen Haaren.
     „Hier wohnen wir“, sagte Will.
     „Alle?“, fragte Steffen.
     „Ja klar, alle.“
     „Und wo ist euer Badezimmer?“
     „Es gibt in diesem Haus für alle Familien Gemein-schaftsduschen.“
     „Gemeinschaftsduschen?“
     „Ja, wie im Sportverein.“
Ach ja, wie im Sportverein. Steffen fand Gemeinschafts- duschen sehr ungemütlich und überlegte, warum es hier wie im Sportverein war. Wills Mutter sagte:
     „Die Leute, die hier wohnen, haben kein Geld. Wir sind alle froh, dass wie überhaupt Duschen und ein Dach über dem Kopf haben.“
Sie lächelte ihn an und fragte:
     „Sag mal, wie heißt du denn?“
     „Ich heiße Steffen Starkstrom.“
Sie reichte ihm die Hand und sagte:
     „Ich bin Aimee, die Mama von all diesen Jungs hier. Will ist der älteste, dann kommt Timmy, der ist fünf, dann Maurice, unser Dreijähriger, und unser kleinster, der heißt Baby Josi, der übt gerade Laufen.“
Ja, tatsächlich, Baby Josi übte gerade Laufen und fiel genau in diesem Moment der Länge nach auf den Bauch. Alle lachten, nur Baby Josi nicht. Er brüllte. Wills Vater, der auf einer Bettkante gesessen hatte, stand auf und nahm Baby Josi auf den Arm. Sofort hörte das Gebrüll auf. Aimee sagte:
     „Und das ist Wills Papa. Er heißt Ben.“
Ben machte eine kleine Verbeugung in Steffens Richtung. Will sagte zu seiner Mutter gewandt:
     „Ich habe den Steffen zum Abendbrot eingeladen, wenn du nichts dagegen hast.“
Aimee hatte offensichtlich nichts dagegen, denn sie schob für Steffen einen Stuhl zurecht und sagte:
     „Ich freue mich, dass wir mal Besuch haben. Komm,  Steffen, setz dich. Ich decke den Tisch auf.“

Steffen fühlte sich ein bisschen überwältigt von so vielen schokoladenbraunen Leuten auf einem Haufen. Er setzte sich schnell hin und sagte gar nichts. Will setzte sich gegenüber von ihm  ihn. Plötzlich war es ganz still in dem Raum. Keiner sagte was, nur Aimee machte ein bisschen Krach mit dem Geschirr in der Küchenecke. Steffen guckte sie sich genauer an. So eine Frau hatte er noch nie gesehen. Sie hatte ein langes Kleid in verschiedenen Gelb- und Orangetönen an und ein Tuch um den Kopf gewickelt, das fast wie ein Turban aussah. Alles an ihr war irgendwie rund, ihre Hüften, ihre Arme, ihr Kopf, ihre Nase, ihre Lippen, ja, sogar ihre nackten Füße, die unter dem Kleidersaum hervorguckten, sahen rund aus. Steffen starrte sie an.
Wills Vater sagte:
     „Ja, da staunst du, Steffen. Unsere Aimee, die ist unser größter Schatz! Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich genauso geguckt wie du. Das war vor zehn Jahren in einem kleinen Dorf in Togo. Ich war da aus unserer Hauptstadt hingefahren, um einen Bericht über ihr Heimatdorf für unsere Zeitung zu schreiben. Ich bin nämlich Journalist.“
     „Und Schriftsteller“, fügte Will hinzu, „er schreibt Bücher. Über Afrika. Aber schwierige, nicht für Kinder.“
Steffen sagte:
     „Aha.“
Mehr fiel ihm nicht ein.
     „Er fand Mama ganz toll, als er sie zum ersten Mal gesehen hat“, fuhr Will fort.
     „Ja“, sagte Ben, „sie ging da so ehrwürdig und anmutig zugleich mit einem Eimer Wasser auf dem Kopf mitten durch ´s Dorf.“
     „Mit einem Eimer Wasser auf dem Kopf?“, fragte Steffen.
     „Wir haben in Togo die Brunnen, die die Menschen mit Wasser versorgen, oft etwas außerhalb der Dörfer“, erklärte Ben, „deshalb holen die Frauen das Wasser immer mit Eimern, wenn sie kochen oder Geschirr spülen wollen. Die Eimer tragen sie dabei auf dem Kopf. Freihändig.“
     „Und dann hat Papa gleich gedacht: Oh, unter diesem Eimer befindet sich die schönste Frau von Togo“, sagte Will und sah sehr stolz aus. Aimee lachte mit einem kleinen Glucksen und sagte:
     „Nun ist aber gut. Mehr erzählt ihr aber nicht über mich.“
     „Wieso denn nicht, Aimeechen, die Wahrheit muss doch mal auf den Tisch“, sagte Wills Vater, ging zu Aimee und kitzelte sie ein bisschen am Hals, genau da, wo sich einige besonders vorwitzige Krauslöckchen unter dem Kopftuch hervorwagten. Er sagte:
     „Es war einfach Liebe auf den ersten Blick. Bei ihr auch.“
Er zupfte an ihren Löckchen.
     „Stimmt ´s, Aimee?“
Aimee sagte:
     „Wenn du mal bitte die Teller auf den Tisch stellen könntest, statt hier so rumzusäuseln.”
Ben lachte und sagte:
     „So ist sie immer. Sagt man mal was Nettes, dann brummt sie einem gleich ne Arbeit auf.“
Und obwohl er etwas kleiner und viel dünner als Aimee war, hatte er sie plötzlich ein Stückchen hochgehoben und trug sie zum Tisch, als wäre sie leicht wie eine Feder. Er sagte:
     „So, zuerst decke ich mal dich auf. Setz dich hin, Aimee, und unterhalte unseren Gast. Du musst nämlich wissen, Steffen, dass Aimee nicht nur die schönste Frau von Togo war, nee, es ist wirklich unfassbar! Seit wir hier sind, ist sie auch noch die schönste Frau von Deutschland. Und außerdem ist sie die unterhaltsamste Frau der Welt.“
Aimee lachte wieder und sagte:
     „Und du bist mit Sicherheit der albernste Mann der Welt!“
Sie sah glücklich aus. Und tatsächlich sah sie auch sehr schön aus. Es war, als ob etwas an ihr leuchtete und funkelte.

Steffen guckte sie an und musste an seine eigenen Eltern denken. Wie die sich immer gestritten oder oft kein Wort mehr miteinander geredet hatten. Wie sie ihm eines Tages gesagt hatten, dass sie sich nicht mehr lieb hätten, und dass sein Vater woanders hinziehen würde. Er fühlte einen Stich in der Brust. Er wollte nicht daran denken, nicht jetzt, wo es gerade so schön und gemütlich war. Und gleich würde es was zu essen geben. Nein, er mochte jetzt nicht an Zuhause denken.
Aimee hatte wohl bemerkt, dass Steffen mit seinen Ge- danken woanders war. Denn sie guckte ihn ernst an und sagte mit gedämpfter Stimme:
     „Weißt du, Steffen, es ist unser Glück, dass wir uns lieb haben. Denn sonst würden wir es nicht aushalten hier in Deutschland mit unserer Sehnsucht nach Afrika und mit diesen blöden Gemeinschaftsduschen, wo so oft nur kaltes Wasser kommt.“
Brrr, kaltes Wasser! Steffen musste sich ein bisschen schütteln bei der Vorstellung.
Aimee fuhr fort:
     „Ich hätte ja niemals im Leben gedacht, dass ich mal einen Schriftsteller heiraten würde. Niemals im Leben, denn ich konnte damals überhaupt nicht lesen und schreiben. Ich bin nie zur Schule gegangen. Das war nicht üblich bei uns im Dorf.“
     „Oh“, sagte Steffen, „das muss ja ein cooles Dorf sein, wenn die Kinder da nicht zur Schule gehen müssen.“
Ihm fiel nämlich gerade wieder das Diktat am nächsten Tag ein.
     „Du bist ja lustig, Kindchen!“, rief Aimee, „weißt du denn nicht, dass es für ´s spätere Leben sehr wichtig ist, dass man zur Schule geht und Lesen und Schreiben und vieles, vieles mehr lernt? – Ich war traurig, dass ich nichts lernen durfte. Richtig unglücklich war ich da- rüber.“
     „Es macht aber überhaupt keinen Spaß, zur Schule zu gehen“, sagte Steffen.
     „Das sagt Will auch immer“, sagte Aimee, „und dann sage ich immer, dass er dankbar sein soll, weil er zur Schule gehen und richtig klug werden kann.“
     „Ich bin aber kein bisschen dankbar“, sagte Will, „die anderen Kinder sind immer blöd zu mir in der Schule, die ärgern mich den ganzen Tag, diese Schweine!“
     „Das sind keine Schweine, Will!“, ertönte Bens Stimme aus der Küchenecke. „Ich möchte nicht, dass du so etwas sagst. Es liegt an der falschen Organisation, das habe ich dir schon ganz oft gesagt. Es liegt nicht an den Kindern selber. Merk dir das doch endlich!“
Steffen wusste nicht, was das Wort Organisation bedeuten sollte. Er guckte Aimee fragend an. Sie sagte:
     „Ben meint, dass die Leute in der Schule falsch zusammen arbeiten. Es gibt zwischen den Eltern und Lehrern einen zu großen Abstand, und die Kinder werden nicht richtig ernst genommen. Er meint, das die Be- stimmer in diesem Land falsche Spielregeln für die Schulen bestimmt haben, an die sich aber alle halten müssen.“

Steffen fiel ein, wie merkwürdig sich seine Mutter immer gegenüber seiner Klassenlehrerin verhielt. Sie tat immer so, als wäre zuhause bei ihnen alles in bester Ordnung und wurschtelte gleichzeitig so nervös mit ihren Händen herum. Sie wurde immer ganz klein und fast ein bisschen demütig, wenn sie mit der Lehrerin sprach; und wenn die Lehrerin einen Scherz machte, dann lachte seine Mutter irgendwie künstlich. Das hörte sich ziemlich doof an.
Er durfte der Lehrerin auch nicht erzählen, wie krank Mama war. Sie hatte gesagt: „ Ich will das nicht, dass sich das rumspricht.“
Dabei war die Lehrerin eigentlich richtig nett, wenn sie nicht gerade genervt war, weil die Kinder im Unterricht nicht zuhörten oder ihre Hausaufgaben vergessen hatten. Einmal, da hatte er zum Unterrichtsschluss noch etwas herumgetrödelt, sodass er als einziger im Klassenraum übrig geblieben war. Alle anderen Kinder waren schon weg. Nur die Lehrerin hatte noch vorn an ihrem Pult gesessen und Arbeitsblätter sortiert. Da hatte sie ihn plötzlich angeguckt und gesagt: „Du, Steffen, ich will dir mal was sagen. Wenn du irgendwelche Sorgen oder Probleme hast, dann kannst du damit ruhig zu mir kommen und mir davon erzählen. Manchmal könne Lehrer nämlich helfen, wenn es einem Schulkind schlecht geht.“ „Hm“, hatte er gesagt und daran gedacht, dass seine Mutter nicht wollte, dass er was von zuhause erzählte. Dann hatte er aber noch hinzugefügt: „Es ist aber nichts.“
Die Lehrerin hatte ihn freundlich angeguckt und gesagt:
„Ich sag ´s ja auch nur für den Fall der Fälle. Also weißt du jetzt, wenn doch mal was ist, dann bin ich auch noch da.“ Und dann hatte sie ihm ein Radiergummi ge- schenkt, weil er sein eigenes aus Versehen klein gekaut hatte. Zum Schluss hatte sie ihm auf die Schulter geklopft und gesagt: „Kopf hoch, Steffen, es kommen auch wieder bessere Zeiten.“

Ob diese besseren Zeiten vielleicht gerade anfingen? Ob es vielleicht ein Glücksfall war, dass er gerade heute Will und seine Familie kennen gelernt hatte?
Er wusste es nicht, aber er fühlte sich nicht mehr so bedrückt, seit er Will von seiner Mutter erzählt hatte.
Gedankenversunken saß er da, während um ihn herum Wills kleine Brüder spielten und lärmten. Will knuffte ihn in die Seite und sagte:
     „He, Steffen, denk doch nicht an die blöde Schule.“ Steffen sah hoch. Ach, das Essen stand ja schon auf dem Tisch. Alle setzten sich und Aimee sagte:
     „Guten Appetit allerseits.“
Es gab Weißbrot, Käse und Tomaten und Gurken, dazu einen Tee, der nach Zimt roch. Steffen fing an zu essen. Normalerweise stopfte er sich das Essen nur gedankenlos rein, Hauptsache, das Loch in seinem Magen wurde kleiner. Aber hier bei Wills Familie ging das nicht. Denn Aimee sagte:
     „Jeder bekommt zwei Scheiben Brot. Und seid bitte sparsam mit der Kräuterbutter, damit sie für alle reicht.“
Sie guckte Steffen an:
     „Wir müssen nämlich sparen.“
So teilte er sich alles auf seinem Teller gut ein und aß ganz langsam, um möglichst lange was von dem Essen zu haben. Er stellte fest, dass das Essen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Geschmack hatte. Mehr noch, es schmeckte richtig gut.
Ob das vielleicht auch ein Zeichen dafür war, dass gerade bessere Zeiten anbrachen? 

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Fabs
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #3 - 07.01.10 um 20:49:14
 
super geschichte!!!!
Mehr davon, mehr Bitte!!!!!  Smiley
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sequencer23
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #4 - 07.01.10 um 23:10:50
 
könnt ihr das bitte privat weitermachen? ich denke nicht das es sinnvoll ist ein komplettes buch in einen forenthreat zu posten...

danke für eure aufmerksamkeit Zwinkernd
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Fabs
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #5 - 08.01.10 um 01:08:28
 
sequencer23 schrieb am 07.01.10 um 23:10:50:
könnt ihr das bitte privat weitermachen? ich denke nicht das es sinnvoll ist ein komplettes buch in einen forenthreat zu posten...

danke für eure aufmerksamkeit Zwinkernd

ah ja und warum nicht? wirklich viel sinn erkenne ich ja auch nicht gerade in deinem post, da wird also nen buch wohl kein problem sein.
ich pflichte aber bei das man da vielleicht nen neuen thread aufmachen könnte. vielleicht könnte Zak, Arkas oder so da mal was öffnen und verschieben?
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Anait
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #6 - 08.01.10 um 07:32:25
 
@sequencer
Weißt Du, das Buch soll eine bestimmte soziale Technik aufzeigen, es soll zeigen, wie wir armen kleinen Muggels zusammenarbeiten können, um es den Zauberern da oben mal so richtig zu zeigen. Ich hab´s als Kinderbuch verfasst, damit so Leute wie Fabs sich freuen Durchgedreht. Es ist aber auch für Erwachsene geeignet. Deshalb jetzt:

3.Kapitel

Nach dem Abendbrot sprang Steffen von seinem Stuhl auf und sagte:
     „Ich muss ganz schnell nach Hause. Ich habe meiner Mutter versprochen, ihr bei der Arbeit zu helfen. Das hab ich ganz vergessen.“
Aimee fragte:
     „Bei was für einer Arbeit wolltest du deiner Mutter denn helfen?“
     „In der Gärtnerei. Meine Mutter hat eine Gärtnerei. Stauden, Kräuter und Sämereien“, sagte Steffen.
     „Ach ja, Staudengärtnerei Starkstrom“, sagte Wills Vater. „Ich habe kürzlich das Firmenschild an einem Zaun gesehen. Das ist ja gar nicht weit weg von hier.“
     „Wenn ihr mal eine Staude braucht, dann könnt ihr die bei uns kaufen“, sagte Steffen. Will wollte wissen, was Stauden sind. Steffen erklärte:
     „Das sind Pflanzen, die jedes Jahr blühen und langsam immer breiter werden; es gibt große und kleine, welche für Sonnenplätze und welche für Schattenecken unter Büschen und Bäumen. Mama sagt immer: Stauden sind eine Zierde für jeden Garten.“
     „Und was für eine Gärtnerarbeit machst du dann?“, fragte Aimee.
     „Ich helfe beim Eintopfen von Jungpflanzen. Die kriegen jetzt richtige Töpfe, in denen sie ordentlich wachsen können, und dann kann Mama sie demnächst verkaufen. Wir sind dieses Jahr aber viel zu spät mit dem Eintopfen dran, weil Mama es nicht rechtzeitig geschafft hat. – Manchmal säe ich auch Kräuter und Ringelblumen aus“, sagte Steffen. „Mama geht ´s nicht so gut. Deshalb muss ich ganz viel mithelfen.“
     „Will“, sagte Aimee, „du kannst doch Steffen nach Hause begleiten, und dann fragst du Steffens Mutter, ob du auch was helfen kannst.“
     „Klar, hab ich auch schon gedacht“, sagte Will und stand ebenfalls auf.
     „Danke für ´s Abendessen“, sagte Steffen.
     „Wir danken für deinen Besuch“, sagte Aimee.
     „Und wir freuen uns, wenn du uns bald wieder besuchst“, fügte Ben hinzu.

Steffen und Will brauchten nur drei Straßen weiter links um die Ecke zu biegen und schon standen sie vor dem alten Holzzaun, der die Gärtnerei Starkstrom umgab.
     „Hier ist die Einfahrt“, sagte Steffen, und sie gingen durch ein offen stehendes Holztor auf das Gärtnerei-gelände. Da gab es einen Parkplatz, viele Beete mit niedrigen Hecken drum herum, ein kleineres und ein größeres Gewächshaus und ein blau gestrichenes Holz- haus mit weißen Fensterläden.
     „Da wohnen Mama und ich“, sagte Steffen.
     „Und wo ist dein Vater?“, fragte Will.
     „Der wohnt woanders. In einer anderen Stadt. Ich fahre oft mit dem Zug zu ihm und besuche ihn.“
     „Warum wohnt er nicht bei euch?“, fragte Will.
     „Sie sind geschieden.“
Steffen guckte, als wäre das Gespräch für ihn beendet. Aber Will wollte noch mehr wissen:
     „Hast du keine Geschwister?“
     „Doch, eine große Schwester, Marlene, die ist schon erwachsen und wohnt auch woanders. Und einen großen Bruder, Frido, der ist immer nur am Wochenende hier, weil er bei der Bundeswehr ist. Er lernt Flugzeugpilot. Wenn er mit der Ausbildung fertig ist, kann er richtige Kampfbomber fliegen.“
     „Wie, du meinst echte Tiefflieger, die mit Überschall fliegen?“, fragte Will.
     „Ja, genau solche. Mama sagt immer, sie kriegt ´n Herzstillstand, wenn sie daran denkt, dass er mit solchen Dingern durch die Luft saust.“
     „Ich glaube, das macht Spaß, damit herumzudüsen, das ist besser als Achterbahn fahren, findest du nicht auch?“
     „Ja, das sag ich ja auch immer zu Mama“, sagte Steffen, „und dann sagt sie: Komm du bloß nicht auch noch auf die Idee, Pilot zu werden. So viele Herzstill-stände überleb ich nämlich nicht. Aber ich kann sie beruhigen, ich will ja nur Rockmusiker werden, ein völlig ungefährlicher Beruf.“
     „Genau“, sagte Will.
Steffen und Will waren inzwischen am blauen Haus angekommen. Vor der Haustür saß eine kleine Katze. Sie sagte:
     „Miau.“
     „Das ist Miau, unsere Katze. Sie ist besonders klug“, sagte Steffen. „Sie kann nämlich ihren Namen sagen.“
     „Kann sie auch noch was anderes sagen?“, fragte Will.
     „Bis jetzt noch nicht, aber ich versuche ihr beizu-bringen, Steffen zu mir zu sagen. Miau, guck mal, wen ich mitgebracht habe. Das ist Will.“
Die Katze sagte:
     „Will.“
     „Will! Sie hat Will gesagt! Sie kann tatsächlich sprechen!“, rief Will erstaunt.
Steffen grinste:
     „Sag ich doch.“

Die Haustür ging auf und Will erwartete, Steffens Mutter zu sehen. Die Person jedoch, die dort stand, konnte unmöglich die Mutter eines siebenjährigen Jungen sein. Sie sah nämlich aus, als wäre sie selbst erst sieben Jahre alt. Da stand ein Mädchen mit wuscheligen, roten Haaren, die zu einem Pferdeschwanz zusammen-gebunden waren. Es hatte ein buntes Kleid an und unter jedem Arm ein Kaninchen.
     „Lotta!“, rief Steffen. „Was machst du hier?“
     „Ich spüle das Geschirr“, sagte das rothaarige Mädchen. „Wen hast du denn da mitgebracht?“
     „Das ist Will. Er will Präsident von Amerika werden.“
     „Ach“, sagte das Mädchen, „für ´n Präsidenten siehst du aber noch ziemlich klein aus.“
Will schluckte. Die war ja richtig frech, diese Lotta. Er sagte:
     „Mensch, wenn ich groß bin, will ich das werden. Ich plane das. Zuerst muss ich Amerikanisch lernen.“
     „Amerikanisch? Soll das ne Sprache sein?“, fragte Lotta.
     „Es heißt eigentlich Englisch“, sagte Will. „Aber der amerikanische Präsident und überhaupt alle Amerikaner können das nicht richtig aussprechen. Deshalb muss ich lernen, wie man Englisch nicht richtig ausspricht.“
     „Hört sich ein bisschen umständlich an. Ich lerne auch Englisch, denn ich will später Reisebegleiterin werden. Aber ich spreche alles richtig aus“, sagte Lotta in etwas hochnäsigem Tonfall. Will erwiderte lässig:
     „Ich glaube, du kapierst das noch nicht so ganz mit dem Unterschied zwischen Englisch und Amerikanisch. Ich erklär dir das in ein paar Jahren noch mal.“
Lotta tat, als hätte sie nicht zugehört, und sagte zu Steffen:
     „Wo hast du denn den aufgegabelt?“
Steffen sagte:
     „In der alten F …“
Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass das mit der Fahrradfabrik ein Geheimnis war, und so verschluckte er den Rest des Wortes. Will sah ihn strafend an.
Steffen dachte, dass es besser wäre, über was anderes zu reden, und fragte Lotta:
     „Wie kommt es, dass du bei uns Geschirr spülst? Ich meine, du besuchst doch um diese Zeit normalerweise immer nur deine Kaninchen.“
Will guckte fragend und Steffen erklärte ihm:
     „Lotte wohnt in so einem Wohnblock, wo man keine Haustiere halten darf.“
     „Ja, das war so“, fiel ihm Lotta ins Wort, „ich hatte mir zu meinem  siebten Geburtstag ganz, ganz doll ein Kaninchen gewünscht. Ich wollte gar nichts außer einem Kaninchen. Und dann haben Mama und Papa Frau Starkstrom gefragt, ob wir bei ihr in der Gärtnerei einen Kaninchenstall hinstellen können, wo ich immer hin- kommen und das Kaninchen versorgen kann. Frau Starkstrom hat es erlaubt, aber sie hat gesagt, es müssen zwei Kaninchen sein, weil eins allein sich zu einsam fühlt. Ja, und deshalb habe ich jetzt sogar zwei Kaninchen. Guck mal, wie süß die sind.“
Sie waren wirklich niedlich, die beiden kleinen, dicken Langohren. Ihr Fell glänzte und fühlte sich ganz seidig an, als Will eins streichelte.
     „Sie heißen Tante Irma und Oma Edeltraud“, sagte Lotta.
Was für kindische Namen, dachte Will. Wenn er zwei Kaninchen hätte, dann würde er die Jefferson und Lincoln nennen, oder Nixon und Clinton. Das waren alles mal amerikanische Präsidenten gewesen, und denen zu Ehren würde er seine Kaninchen benennen. Und später, wenn er erst mal selber Präsident wäre, dann könnten die Kinder ihre Kaninchen nach ihm benennen, zum Beispiel eins Will und das andere Washington. Ja, unser guter Will, der dachte sich öfters solche Sachen aus, aber er erzählte vorsichtshalber niemandem davon.

Es war mittlerweile dämmrig geworden.
Lotta sagte:
     „Ich wollte heute eigentlich nur meine Kaninchen besuchen. Aber als ich geklingelt habe, um deiner Mama Guten Tag zu sagen, hat niemand aufgemacht. Da hab ich überall in der Gärtnerei nach ihr gesucht, aber sie war nirgends zu finden. Schließlich bin ich durch die Hinter-tür ins Haus gegangen um zu gucken, ob sie vielleicht doch drinnen ist.“
Steffen sah plötzlich sehr besorgt aus. Er fragte:
     „Und? War sie da?“
     „Ja, ich hab ganz laut gerufen: Frau Starkstrom, wo bist du? Und dann hab ich gehört, wie sie aus dem Schlaf- zimmer Hallo gerufen hat. Ich bin ganz schnell zu ihr hin- gelaufen. Sie lag im Bett und hat gesagt, dass ihr ganz übel wäre von ihren Tabletten, du weißt schon, von diesen großen weißen.“
Steffen sah aus, als wäre ihm auch gerade ganz übel geworden. Lotta sagte:
     „Ich habe sie gefragt, ob ich ihr etwas zu trinken bringen soll – und eine Wärmflasche. Das wär ganz lieb von dir, Lottachen, wenn du mir das bringen könntest, hat sie gesagt. Dann bin  ich in die Küche gegangen, und da stand ganz viel schmutziges Geschirr herum. Als ich deiner Mama das Trinken und die Wärmflasche gebracht hatte, hab ich sie gefragt, ob ich das Geschirr spülen soll. Da hat sie wieder gesagt, dass das ganz lieb von mir wäre, wenn ich das machen würde. Siehst du, und deshalb spüle ich jetzt das Geschirr.“
Steffen sah etwas grünlich im Gesicht aus. Lotta sah es und sagte schnell:
     „Du brauchst keine Angst zu kriegen, Steffen, es geht ihr schon viel besser, sie wollte eben sogar einen Apfel zu essen haben. Ihr ist nicht mehr übel. Sie ruht sich nur noch ein bisschen aus, hat sie gesagt.“
Steffen sah immer noch grün aus. Er sagte:
     „Ich gucke mal nach ihr“, und ging ins Haus.
Lotta sagte zu Will:
     „Komm doch auch mit rein, du kannst mir in der Küche helfen. Ich muss nur erst die Kaninchen in den Stall bringen.“
Kurz darauf ging Will hinter Lotta her ins Haus hinein und durch eine kleine Diele, von der es links in die Küche ging. Oh, dachte er, als er die Küche betrat, hier sieht es ziemlich nass aus. Lotta sagte:
     „Wenn ich schon mal Geschirr spüle, dann mache ich das richtig mit ordentlich viel Wasser und Schaum. Das Wasser auf dem Fußboden kann ich nachher gleich zum Wischen nehmen. Gute Idee, oder?“
Ja, doch, Will fand auch, dass das eine gute Idee war.
     „Hier“, sagte Lotta und warf ihm ein Geschirrhand- tuch zu, „du kannst schon mal mit Abtrocknen anfangen.“
Steffen kam in die Küche, sah die Überschwemmung und sagte:
     „Was in aller Welt macht ihr hier?“
Lotta und Will sagten im Chor:
     „Wir spülen Geschirr.“
     „Dann müsst ihr aber nachher das Wasser auf dem Fußboden wegwischen, sonst wird Mama sauer.“
     „Klar“, sagte Lotta, „ich wollte hier alles nur ein biss-chen einweichen, verstehst du, damit der Boden nach-
her richtig sauber wird.“
Steffen verdrehte die Augen und sagte zu Will:
     „So war sie schon im Kindergarten. Ich bin nämlich drei Jahre lang zusammen mit Lotta in den Kindergarten gegangen. Da hat sie einmal den ganzen Waschraum unter Wasser gesetzt, nur weil sie unbedingt einen Teich haben wollte für so einen mickrigen Frosch.“
     „Ja, dem hatte ich nämlich das Leben gerettet, und so ein Frosch braucht viel Platz, zum Schwimmen, zum Hopsen und zum Eierlegen.“
     „Es heißt nicht Eierlegen. Bei Fröschen heißt das Ablaichen“, war plötzlich eine helle, klare Stimme aus der Diele zu vernehmen. „Und außerdem ist ein überfluteter Waschraum im Kindergarten nicht das richtige Biotop für Frösche …“
Will sah, wie Steffen sich an den Kopf griff, als würde ihm schwindelig. Dann stöhnte er:
     „Oh nein, jetzt kommt auch noch Ernestine. Ich werd wahnsinnig. Wenn die einmal angefangen hat, einen Vortrag zu halten, dann suchste vergeblich nach dem Knopf zum Ausschalten.“
Und da stand sie auch schon in der Küchentür, ein dünnes, langes Mädchen mit glatten, braunen Haaren und einem sehr ernsthaften Gesichtsausdruck. Sie sagte:
     „Die Haustür stand offen, da bin ich einfach reinge- kommen.“
Sie redete weiter:
     „Frösche benötigen einen richtigen Teich im Freien mit einer Uferzone, wo sie sich sonnen können. Sie gehören zur Familie der Amphibien, das heißt, sie sind wechselwarme Tiere. Sie laichen am liebsten in Flachwasserzonen.“
Bei dem Wort Flachwasserzone hielt sie inne, denn sie hatte die Flachwasserzone auf dem Küchenfußboden ent- deckt. Steffen sagte:
     „Reg dich gar nicht erst auf, Tine. Lotta macht das gleich weg.“
     „Ja, aber Lotta soll nach Hause kommen. Ihre Mutter hat mich hergeschickt, weil sie wissen wollte, wo Lotta so lange steckt.“
Dann schaute Ernestine Will mit einem durchdringenden Blick an und fragte:
     „Wer bist du denn?“
     „Ich bin Will Washington, und ich helfe hier beim Eintopfen“, sagte Will. „Äh, ich meine, beim Geschirr- spülen.“
     „Mama hat eben gesagt, wir brauchen heute nicht mehr eintopfen, sie ist zu müde“, sagte Steffen. „Aber wenn ihr Zeit habt, könnt ihr alle morgen Nachmittag wiederkommen und beim Eintopfen helfen.“
     „Au ja!“, rief Lotta, „dann machen wir jetzt noch die Küche richtig schön sauber und morgen topfen wir Pflanzen ein.“
     „Lotta, deine Mutter hat gesagt, du sollst sofort nach Hause kommen, du hast noch kein bisschen Schul-arbeiten gemacht“, sagte Ernestine.
     „Erst wird jetzt die Küche blitzblank geputzt“, sagte Lotta, „Frau Starkstrom geht ´s nicht gut, sie braucht Hilfe, und das ist wichtiger als Schularbeiten. Wenn ihr alle mithelft, dann sind wir in zehn Minuten  fertig.“
Alle wussten, dass Lotta keine Widerworte dulden würde. Sie tat noch einen kräftigen Schuss Spülmittel ins Spülwasser und nahm einen großen Topf in Angriff. Will trocknete derweil Tassen und Teller ab. Steffen räumte das Geschirr in die Schränke. Ernestine brachte den Müll nach draußen und holte Scheuerlappen und Schrubber herbei, um den Fußboden zu wischen.
Es dauerte tatsächlich keine zehn Minuten, bis die Küche rundum aufgeräumt, sauber und kaum noch nass war. Die Kinder verabredeten sich noch für den nächsten Nachmittag, und dann gingen Lotta, Ernestine und Will nach Hause.

Steffen machte die Haustür hinter ihnen zu, setzte sich auf die Telefonbank neben der Treppe und atmete erst mal aus. Das war heute wirklich ein bisschen viel Trubel gewesen.
Dann ging er die Treppe hoch und ins Schlafzimmer seiner Mutter. Sie lag im Bett, hatte ihre kleine Nacht- tischlampe eingeschaltet und las ein Buch. Als er hereinkam, nahm sie ihre Brille ab, legte das Buch zur Seite und sah Steffen lieb an:
     „Na?“, sagte sie, „bist du geschafft?“
     „Och nö, geschafft nicht direkt“, sagte Steffen.
     „Komm, setz dich ein bisschen zu mir und erzähl, was du heute erlebt hast“, sagte seine Mutter.
     „Geht ´s dir denn wirklich wieder besser?“, fragte Steffen.
     „Mir ist gar nicht mehr übel“, sagte seine Mutter. „Ich bin nur noch etwas schlapp und möchte am liebsten den Rest des Abends im Bett bleiben. Die Medizin  macht mich immer ziemlich müde. Aber du weißt ja, ich muss die nehmen, damit die Krankheit weggeht.“
     „Ja, ich weiß“, sagte Steffen, „aber ich finde diese Medizin trotzdem blöd, die hat schon so einen blöden Namen: Chemotherapie!“
     „Chemotherapie klingt wirklich blöd“, sagte seine Mutter. „Aber diese Medizin hat schon ganz vielen Leuten geholfen, wieder gesund zu werden. Und bei mir wird sie auch helfen.“
     „Musst du auch bestimmt nicht mehr ins Kranken- haus?“, fragte Steffen. Mama war mit ihrer Krankheit schon zweimal im Krankenhaus gewesen. Das hatte er immer ganz schrecklich gefunden, denn dann musste er bei den Nachbarn wohnen. Die waren ganz streng und alt und rochen gar nicht so gut wie Mama.
     „Ich hoffe doch sehr, dass ich da nicht mehr hin muss“, sagte Steffens Mutter und seufzte. „Aber komm, Steffen, wir denken da jetzt einfach nicht dran. Erzähl mir lieber, wo du heute Nachmittag warst.“
Steffen kletterte auf das Bett seiner Mutter und setzte sich mit einem Kissen im Rücken an  die Wand gelehnt ans Fußende. Dann erzählte er ihr von Will und dass er Will von ihrer Krankheit erzählt hatte und von Wills Wohnung und dass er heute die schönste Frau von Deutschland kennen gelernt hatte. Darüber lachte seine Mutter und sagte, dass sie diese Frau auch gerne mal kennen lernen würde. Von der Fahrradfabrik erzählte er nichts, denn das war ja sein und Wills Geheimnis.
Als Steffen etwas später in seinem Bett lag, freute er sich noch kurz auf den nächsten Tag, weil Will ja zum Eintopfen kommen würde, und schlief dann ganz schnell ein.


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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #7 - 08.01.10 um 07:59:26
 
Ach, und wo wir gerade am Fabulieren sind, erzählen wir noch kurz die Geschichte von dem bösen Zauberer, der ins Grübeln kam.

Es war einmal ein ganz großer und mächtiger Zauberer. Der war so mächtig, dass er die gute alte Erde im Laufe der Jahrtausende von innen leer gezaubert und sich lauter kleine Planeten daraus gebastelt hatte.
Eigentlich wollte er so weitermachen, bis die Erde weggezaubert war. Aber eines Tages bekam er einen ganz schrecklichen Wutanfall, weil sich auf der Erde Leute miteinander gegen ihn verbündet hatten, die er sonst immer gegeneinander aufgehetzt hatte. In seiner Wut brachte er die Erde ins Trudeln. Er lachte und freute sich, denn die Passatwinde wehten nicht mehr und es brach eine Eiszeit aus. Jetzt würden die Menschen kapieren, dass sie ihm zu gehorchen hatten.
Aber leider wussten die Menschen nicht, dass sie das kapieren sollten und machten das Trudeln wieder rückgängig.
Das stellte sich sogar als großer Vorteil heraus. Denn es wurde am Morgen nach der Reparatur später hell. Nun dauerte es einige Tage, bis die Zeit wieder aufgeholt war. Man brauchte ja nur die Sekunden ein wenig verkürzen. Ja, herrlich, riefen die Leute, dann brauchen wir ja eine Woche lang nicht soviel arbeiten! Und die Wanduhr muss auch nicht zum Uhrmacher, schon wieder Geld gespart!
Der böse Zauberer aber fing an zu grübeln, ob er weiter so böse sein wollte. Denn die Menschen hatten ihm nach der Reparatur - sozusagen zur Deckung der Kosten - seinen liebsten Planeten geklaut und wieder in der Erde verstaut...
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #8 - 08.01.10 um 08:10:30
 
4.Kapitel

Am nächsten Tag war ein ganz normaler Schultag, nur für Steffen nicht. Er konnte schon morgens seine Schuhe nicht finden, und außerdem hatte er so ein scheußliches Gefühl in der Magengegend, denn er hatte kein bisschen für das Diktat geübt, das heute im Deutschunterricht geschrieben werden sollte. Er hasste Diktate schreiben, denn er kam nie schnell genug mit, obwohl er eigentlich die einzelnen Wörter richtig schreiben konnte. Dadurch passierte es immer wieder, dass die Lehrerin schon den nächsten Satz diktierte, während er noch nicht mit dem letzten fertig war. Dann fehlten bei ihm oft Wörter, oder er kam so sehr durcheinander, dass er den neuen Satz ganz wegließ. Manchmal wurde er so unruhig von seiner eigenen Langsamkeit, dass er darüber die ganze Recht-schreibung vergaß.
Die Lehrerin sagte dann zu ihm:
     „Steffen, schau, ich diktiere doch ganz langsam. Ich lese jeden Satz dreimal vor, da musst du doch mit- kommen.“
Aber er schaffte es einfach nicht. Er lief stattdessen so nach und nach knallrot an, begann zu schwitzen und kam sich wie das dümmste Kind auf der ganzen Welt vor.
Deshalb hasste er Diktate.
Er trödelte auf dem Schulweg herum, als ob er dadurch das Diktat verhindern könnte. Als er in der Schule ankam, war der Klassenraum der 2 b schon zu, und er musste anklopfen und: „Entschuldigung, dass ich zu spät komme“, sagen. Die Lehrerin guckte ihn kurz an und sagte:
     „Schnell auf deinen Platz, Steffen, wir haben noch nicht mit dem Diktat angefangen.“
Er trottete zu seinem Platz. Neben ihm saß ein Junge namens Edmund, der in der Pause immer „fette Sau“ hinter ihm herrief. Nur im Unterricht, da guckte er so brav und so lieb wie ein kleiner Engel. Steffen setzte sich und merkte, dass er Angst vor dem Diktat hatte.

Zwei Tische weiter saßen Lotta und Ernestine. Sie lächelten ihn beide fröhlich an und machten bedeutungs- volle Bewegungen mit den Händen, was wohl wie Pflanzen eintopfen aussehen sollte. Lotta flüsterte:
     „Hej, Steffen, das wird lustig heute Nachmittag, ich schaffe bestimmt am meisten Pflanzen.“
Sie erhielt von Ernestine einen Stoß mit dem Ellenbogen. Dann hörte man Ernestine in strengem Tonfall sagen:
     „Lotta, sei leise, wir schreiben jetzt ein Diktat!“
     „Genau, Ernestine, vielen Dank, dass du es noch mal sagst“, sagte die Lehrerin. „Schlagt eure Arbeitshefte auf und schreibt das Datum oben auf eine neue Seite. Ich fange jetzt an.“

Es endete, wie es jedes Mal geendet hatte. Ernestine gab ein fehlerfreies Diktat in Schönschrift ab, Lotta eins mit allerhand kleinen Flüchtigkeitsfehlern und Steffen eins mit so vielen Lücken, Fehlern und durchgestrichenen Wörtern, dass es bestimmt wieder eine ganz schlechte Beurteilung von der Lehrerin geben würde.
Ja, es war, wie es immer war. Steffen dachte, dass sich das niemals ändern würde. In der Pause stand er in einer Ecke des Schulhofs, stopfte sich gleichgültig seine Brote rein und starrte auf einen Kaugummifleck auf dem Boden, ungefähr so, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt als alte, festgetretene Kaugummiflecken auf grauen, asphaltierten Schulhöfen. Edmund kam des Weges und rief im Vorbeilaufen:
     „Na, du fette Sau, Diktat mal wieder verhauen?“
Lotta, die nicht weit entfernt stand, war auch nicht auf den Mund gefallen. Sie rief:
     „Wie? Verhauen? Eddie, willste zufällig mal von mir verhauen werden?“
Edmund grinste, er war nämlich der Größte und Stärkste in der Klasse. Er rief zurück:
     „Hat da eben ein Mäuschen gepiepst?“
Lotta ging auf ihn zu und baute sich vor ihm auf:
     „Pass mal auf, Eddie, du alte Hetzbacke, ich mein das ernst, dass ich dich verhaue, wenn du Steffen nicht endlich in Ruhe lässt.“
Edmund musste schallend lachen. Das Lachen klang zwar nicht ganz echt, aber es lockte weitere Klassenkameraden an. Er sagte:
     „Von so ner kleinen, roten Hexe lass ich mich nicht blöde von der Seite anmachen!“
Jetzt wurde Lotta richtig wütend. Das konnte man daran erkennen, dass ihre Nasenflügel anfingen zu zittern. Sie ballte die Fäuste und boxte Edmund so schnell und fest gegen die Brust, dass er beinahe hingefallen wäre. Er zog die Augenbrauen zusammen, senkte den Kopf wie ein angriffslustiger Stier und wollte auf Lotta losgehen. Die war aber schon einige Schritte zurückgewichen, lachte ihn aus und rief:
     „Versuch ´s doch, mich zu hauen! Versuch ´s doch, versuch ´s doch!“
Und dann rannte sie los. Niemand an der ganzen Schule konnte so schnell rennen wie Lotta. Edmund versuchte erst gar nicht, sie zu kriegen, denn er wusste, er würde es nicht schaffen. So schrie er nur noch drohend hinter ihr her:
     „Du wirst noch dein blaues Wunder erleben, wenn ich dich erwische, du rote Hexe!“
Die rote Hexe stand inzwischen in sicherer Entfernung und brüllte zurück:
     „Lass Steffen in Ruhe, dann lass ich auch dich in Ruhe, du blöder Hornochse!“

Ernestine hatte sich die ganze Angelegenheit reglos angeguckt. Natürlich hielt sie zu ihrer Freundin Lotta. Aber sie hatte gelesen, dass Hauen Gewalt ist und dass es das an Schulen nicht geben sollte. Sie sagte laut und deutlich in die plötzlich entstandene Stille hinein:
     „Gewalt ist nicht die Lösung des Problems. Wir müssen darüber reden, warum Edmund den Steffen immer fette Sau nennt.“
Edmund rief:
     „Haha! Das mach ich, weil er echt ne fette Sau ist.“
Nun musste Ernestine Lotta festhalten, denn sonst hätte Eddie eine blutige Nase davongetragen. Es kostete Kraft, Lotta von ihrer nächsten Untat abzuhalten. Aber es gelang Ernestine trotzdem, Edmund gleichzeitig zu ermahnen:
     „Eddie, du musst dich sofort bei Steffen ent- schuldigen! Auf der Stelle! Sonst sag ich das der Lehrerin!“
Sie guckte zu Steffen, oder besser gesagt, sie guckte dahin, wo Steffen gestanden hatte. Aber der war nicht mehr da. Er war einfach leise und von all den Kampf- hähnen unbemerkt gegangen.
Auch in der nächsten Unterrichtsstunde war er nicht in der Klasse. Die Lehrerin fragte:
     „Wo ist denn der Steffen?“
Niemand wusste es. Und niemand erzählte, was passiert war. Denn die einen wollten den Edmund nicht ver-pfeifen, und die anderen wollten die Lotta nicht verpfeifen. Da machte die Lehrerin ein ratloses Gesicht und sagte:
     „Na gut, dann rufe ich heute Nachmittag bei Steffens Mutter an und horche, was mit Steffen los ist.“

Am Nachmittag war mit Steffen überhaupt gar nichts los.
Er war von der Schule aus zur alten Fahrradfabrik gelaufen, denn er wollte einfach keinen Menschen sehen und mit niemandem reden. Seine Mutter würde nur un- glücklich gucken, wenn er ihr von dem Diktat erzählen würde.
Als er bei dem Loch im Drahtzaun angekommen war, fing er an, sich darüber zu ärgern, dass er einfach so abge- hauen war. Ihm wurde klar, dass er sich selber den Rest des Tages vermasselt hatte, denn bestimmt würde die Lehrerin bei seiner Mutter anrufen. Dann würde er ein langes und trübseliges Gespräch mit seiner Mutter über alles führen müssen, und dann würde sie am Ende bestimmt so enttäuscht von ihm sein, dass sie keine Lust mehr haben würde, zusammen mit Will und Lotta und Ernestine Pflanzen einzutopfen. Oh nein, wie war er dämlich gewesen!
Aber er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten, als auf dem Schulhof auch noch der Streit zwischen Lotta und Edmund angefangen hatte. Er dachte: Eigentlich kann ich nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr. Ich will Ruhe haben, nur noch Ruhe. Es ist mir alles viel zu viel.
Er kroch unter dem Zaun durch und steuerte gleich auf die Rückseite des Gebäudes zu. Kurz darauf stand er in der Halle mit den alten Maschinen. Hier war es ruhig. Sehr ruhig sogar. Er schaute sich um. Wo gab es hier ein Plätzchen zum Ausruhen für einen müden, kleinen Jungen?
Da standen sie, alt und schwerfällig, die großen Maschinen. Es war, als wollten sie sagen:
     „Wir stehen hier schon ganz lange und ruhen uns aus. Komm, Steffen, mach es genauso wie wir.“
Er guckte auf den nackten, glatten Betonfußboden. Sollte er sich einfach auf den Fußboden legen? Dann fiel sein Blick auf die Werkbänke. Die sahen schon ein bisschen einladender aus, da waren oben drauf Holzplatten eingelassen. Die waren bestimmt nicht so kalt und hart wie der Fußboden. Ja, hier wollte er sich hinlegen und ein bisschen ausruhen.

Als Will am Nachmittag pünktlich um 16 Uhr bei der Gärtnerei Starkstrom eintraf, erwartete ihn ein seltsames Bild. Auf dem Fußweg vor der Gärtnerei standen Lotta und Ernestine und zwei Frauen, die eine mit Brille und dicken, braunroten Locken, die andere mit kurzen asch- blonden Haaren. Schon von weitem sah er, dass alle sehr aufgeregt waren, denn sie deuteten mit den Armen in verschiedene Richtungen und redeten alle gleichzeitig.
Als Will näher kam, rief Lotta:
     „Will, Steffen ist verschwunden! Er ist aus der Schule abgehauen, aber er ist nicht zuhause angekommen. Wir haben schon überall gesucht und gefragt.“
Sie fing an zu schlucken und zu schniefen. Dann rollten die ersten Tränen über ihre Sommersprossenbäckchen. Sie schluchzte:
     „Wenn ihm nun was passiert ist! Wenn ihn einer geschnappt hat!“
Die Frau mit der Brille sagte mit sehr energischer Stimme:
     „Es hilft nichts, wir müssen die Polizei informieren.“
Ernestine ging zu Will und flüsterte ihm ins Ohr:
     „Das ist Frau Spindelhirn-Hinrichsen, unsere Klas-senlehrerin.“
Die Frau mit den kurzen, aschblonden Haaren sagte:
     „Ja, ich rufe jetzt bei der Polizei an.“
Dann ging sie mit schnellen Schritten auf das Gärtnerei- gelände. Das musste Steffens Mutter sein, denn sie sah sehr bleich und ängstlich aus und sie rannte beinahe in Richtung des blauen Hauses. Will fragte:
     „Was ist denn passiert? Warum ist Steffen denn aus der Schule abgehauen?“
Ernestine erzählte ihm, was am Vormittag alles passiert war. Will wurde klar, dass es sich tatsächlich um eine sehr ernste Angelegenheit handelte. Steffen, seinem neuen Freund, war alles über den Kopf gewachsen. Will hätte jetzt sehr unruhig werden können, er merkte, es war eine Situation, wo man sehr, sehr unruhig werden konnte. Aber irgendwie – er wusste gar nicht, wie das kam – wurde er stattdessen ganz ruhig, ganz nüchtern, ganz nachdenklich. Er spürte, dass er etwas tun musste, dass es wichtig war, dass er jetzt handelte, und zwar sofort. Denn er hielt nicht besonders viel von der Polizei, weil seine Familie mit der schon schlechte Erfahrungen gemacht hatte, nicht nur in Togo …
Entschlossen trat er direkt vor Frau Spindelhirn-Hinrichsen und sagte langsam und deutlich:
     „Wissen Sie eigentlich, dass Steffens Mutter sehr krank ist, dass sie vielleicht sterben muss?“
Die Lehrerin guckte ihn prüfend und ernst durch ihre Brille an und sagte:
     „Das mit der Krankheit wusste ich nicht. Aber ich wusste, dass Steffen sehr bedrückt ist. Und ich habe auch schon versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er wollte mir nicht von seinen Sorgen erzählen. – Wer bist du denn?“
     „Ich bin Will Washington, und ich habe Steffen gestern kennen gelernt. Da hat er mir von seiner Mutter erzählt.“
     „Er hat dir das gleich erzählt, obwohl er dich gar nicht kannte?“, fragte die Lehrerin.
     „Ja, weil wir nämlich über Hoffnung geredet haben.“
Fast hätte er hinzugefügt: „… als wir in der alten Fahrradfabrik waren.“ Aber das durfte niemand wissen, das war ja sein und Steffens Geheimnis.
Die Lehrerin fragte:
     „Über Hoffnung?“
Aber Will hörte gar nicht zu. Die Fahrradfabrik! Ja, klar, der Steffen war bestimmt zur Fahrradfabrik gelaufen und hatte sich dort versteckt.
Hilfe! Wenn er das jetzt sagen würde, dann wäre es vorbei mit dem schönen Geheimnis. Und wenn nun noch die Polizei entdecken würde, dass er da öfters gewesen war! Irgendwie wusste er nämlich, dass es doch nicht ganz in Ordnung war, durch zerbrochene Fenster in alte Fabrikgebäude zu klettern …
Er musste sich jetzt ganz schnell eine Lösung einfallen lassen. Aber welche nur?
Er brauchte einen Vorwand, um abhauen und zur Fahr- radfabrik laufen zu können. Die Lehrerin redete weiter:
     „Wo hast du denn den Steffen kennen gelernt?“
Will dachte angestrengt nach und plötzlich fiel ihm der Fluss ein. Es hätte doch genauso gut sein können, dass er Steffen bei dem kleinen Bootsanleger am Fluss kennen gelernt hatte. Er sagte:
     „Och, das war da am Fluss, am Bootsanleger. – Soll ich da vielleicht mal schnell hinlaufen und gucken, ob Steffen da ist?“
     „Ja, das ist eine gute Idee!“, sagte die Lehrerin.
Bevor noch eines der Mädchen auf den Gedanken kommen konnte mitzukommen, rannte Will los. Er rannte sehr schnell, denn er hatte das Gefühl, er müsste der Polizei zuvorkommen, was ja Unsinn war, denn niemand außer ihm wusste von der Fahrradfabrik. Kurz darauf kroch er durch das Loch im Zaun und robbte durch das Gestrüpp zu dem kaputten Fenster auf der Rückseite des Fabrikgebäudes. Er kletterte durch das Fenster, und schon beim Reinklettern sah er Steffen schlafend auf der Werkbank liegen.
Steffen hatte sich seinen Ranzen unter den Kopf gelegt wie ein Kopfkissen. Er war rot im Gesicht und schnarchte leise. Die Werkbank stand direkt unter dem Fenster, sodass Will beim Reinklettern beinahe gegen Steffens Füße stieß. Er fasste Steffen am Bein und sagte in lautem Flüsterton, so als ob Leute in der Nähe wären, die ihn hören konnten:
     „Steffen! Steffen, wach auf!“
Steffen schlug die Augen auf. Er richtete sich auf und schaute erstaunt um sich. Seine Augen sahen etwas matt und glasig aus. Will sagte:
     „Hier bist du! Die suchen dich alle wie bekloppt!“
Steffen sagte mit müder Stimme:
     „Klar, dass die mich suchen.“
     „Ja, die Lehrerin und Lotta und Ernestine, und deine Mutter, die hat sogar schon die Polizei angerufen!“
     „Die Polizei?“, sagte Steffen und runzelte die Stirn. „Die Polizei, das ist schlecht.“
     „Ja, das ist echt uncool“, sagte Will. „Denn, wenn wir nicht aufpassen, dann kriegen die das mit der Fahrrad- fabrik raus.“
     „Na ja“, sagte Steffen, „das ist nicht das Schlimmste. Es ist viel schlimmer, dass die dann dem Jugendamt Bescheid sagen.“
     „Was für ´n Amt?“
     „Dem Jugendamt. Das sind so Leute, die sind son bisschen ähnlich wie die Polizei, die passen auf, dass Eltern und Kinder bei sich zuhause immer alles richtig machen. Und wenn die entdecken, dass Eltern ihre Kinder nicht richtig erziehen können, dann nehmen die den Eltern die Kinder manchmal weg.“
     „Es gibt aber auch Eltern, die echt ganz böse zu ihren Kindern sind“, sagte Will, „oder die sich gar nicht um ihre Kinder kümmern.“
Er erzählte von einer Familie, die bei ihnen mit im Haus gewohnt hatte, da hatte der Vater immer alle ganz doll gehauen und die Mutter hatte immer ganz viel Schnaps getrunken und Tabletten genommen, sodass sie einmal fast davon gestorben wäre. Und da waren auch Leute gekommen und hatten die Kinder abgeholt.
     „Ja, das gibt ´s auch“, sagte Steffen. „Es kann aber auch ganz anders sein. Und bei mir ist es ganz anders.“
Er fasste sich an den Kopf und sagte:
     „Mensch, ich glaub, ich hab Fieber. Mir ist auch ganz übel.“
     „Leg dich doch wieder hin. Dann kannst du mir in Ruhe erzählen, warum das bei dir ganz anders ist.“
Er rückte für Steffen den Ranzen zurecht, und Steffen legte sich wieder hin. Will saß im Schneidersitz neben seinen Füßen.
     „Also, was ist das mit dem Jugendamt?“
     „Es hat mit meinem Vater zu tun“, sagte Steffen. „Der wohnt ja nicht mehr bei uns. Er ist vor zwei Jahren aus- gezogen, und sie haben sich damals ganz schrecklich gestritten, Mama und er. Er wollte mich mitnehmen, aber Mama wollte, dass ich bei ihr bleibe. Und dann hat das Gericht entschieden, dass ich bei ihr bleiben und nur alle zwei Wochen zu Papa zu Besuch fahren soll.
Das ging auch erst ganz gut, nur dass Mama und Papa immer ganz blöd sind, wenn sie telefonieren. Total genervt. Die mögen sich gar nicht mehr. Weißt du, es ist echt blöd, wenn Eltern sich nicht mehr mögen.
Dann ist Mama krank geworden und musste auch schon zweimal ins Krankenhaus und konnte nicht mehr richtig arbeiten. Dadurch sah es bei uns zuhause oft ganz unordentlich aus, weil sie so viel im Bett liegen musste.
Das hat Papa gesehen und dann hat er beim Jugendamt angerufen und gesagt, dass sie nicht richtig für mich sorgen kann und dass ich jetzt zu ihm ziehen soll. Zu mir hat er gesagt, dass er das macht, weil er mich so doll lieb hat.
Ich fand das aber trotzdem ganz doof. Denn da hat Mama plötzlich schreckliche Angst gekriegt und gesagt: Der will mir den Steffen wegnehmen. Das lass ich nicht zu! Das lass ich nicht zu!
Und dann wusste sie gar nicht mehr, wie sie die Arbeit schaffen soll, weil sie eben neben der Gärtnerei im Haus nicht immer alles schön machen oder richtiges Essen kochen kann. Dann ist die Frau vom Jugendamt gekom- men und hat ganz lange mit Mama geredet. Mama und ich hatten vorher alles aufgeräumt und geputzt, damit die Frau sehen konnte, dass sie doch gut für mich sorgen kann.“
     „Du wolltest also gar nicht weg von deiner Mama?“, fragte Will.
     „Ich weiß nicht. Bei Papa ist immer alles viel schöner als bei uns zuhause. Er hat eine neue Frau, die hat ganz nette Kinder, mit denen kann ich immer spielen, wenn ich zu Besuch bin. Ich kriege auch immer tolle Sachen geschenkt. Guck mal, den Ranzen hier, den hat Papa mir auch geschenkt, der war sauteuer, der ist aus echtem Leder.“
     „Aber du wolltest trotzdem bei deiner Mama bleiben?“, fragte Will.
     „Ich finde, ich muss bei ihr bleiben. Denn sonst hat sie gar keinen mehr. Frido und Marlene, die sind fast nie da, die sind schon groß und haben so viel eigenes Zeug um die Ohren. Und außerdem ist sie krank, ich muss mich doch um sie kümmern. Es kümmert sich doch sonst keiner um sie.“
Steffen schluckte, er hatte feuchte Augen bekommen, dann sagte er mit tränenerstickter Stimme:
     „Das verstehste doch, dass ich bei ihr bleiben muss, oder?“
Will legte eine Hand auf Steffens Fuß und nickte:
     „Ja, versteh ich. Mein Papa sagt immer: Wenn du siehst, dass ein Mensch in Not ist, dann darfst du nicht die Biege machen. Dann musst du hingehen und dem helfen.“
     „Mein Vater sagt das nie“, schluchzte Steffen. „Der sagt immer nur, dass das alles viel zu viel für einen siebenjährigen Jungen ist und dass ich kaputtgehe, wenn ich bei ihr bleibe. Als ich dann auch noch in der Schule ganz schlecht geworden bin, hat er gesagt: Siehste, da haben wir den Salat. Das Kind muss in geordnete Familienbehälter oder so ähnlich. Das war vor einer Woche. Und nächste Woche will die Frau wiederkommen und noch mal mit Mama reden.“
     „Also, er checkt es einfach nicht“, sagte Will.
     „Nee, er checkt es überhaupt nicht“, sagte Steffen und trocknete sich mit einem Zipfel von seinem Stirnband die Augen.
     „Aber ich checke es“, sagte Will, „wenn du jetzt nachdem, was heute Morgen passiert ist, nach Hause kommst, dann sagen alle …“
     „Ja, dann sagen alle, Mama schafft es nicht. Denn sonst wäre ich ja nicht abgehauen. Dabei bin ich ja nur wegen der Schule abgehauen.“
Will war sich nicht ganz sicher, ob Steffen wirklich nur wegen der Schule abgehauen war. Aber das spielte für ihn weiter keine Rolle. Tatsache war, dass Steffen auf gar keinen Fall zurück nach Hause konnte, weil dann alles nur noch schlimmer für ihn werden würde. Er sagte:
     „So, wie es jetzt ist, kannst du jedenfalls nicht nach Hause.“
     „Nee, kann ich nicht.“
     „Was wir brauchen, das ist ein Plan. Wir müssen einen Plan machen, wie wieder alles in Ordnung kommen kann.“
Steffen nickte.
     „Ich bleibe auf jeden Fall bei dir“, sagte Will.
Wieder traf ihn genau so ein liebevoller Freundesblick wie gestern, als er Steffen zum Abendbrot eingeladen hatte. Er redete weiter:
     „Weißt du was, ich finde, wir verstecken uns erst mal eine Weile hier  in der Fahrradfabrik, wenigstens heute Nacht. Und währenddessen tüfteln wir einen Plan aus.“
     „Mama wird sich ganz furchtbar dolle Sorgen machen“, sagte Steffen.
     „Ja, meine Mama auch.“
Keiner sagte etwas. Beide grübelten, wie es weitergehen sollte. Schließlich sagte Will:
     „Sie müssen irgendwie ne Nachricht kriegen.“
     „Ja, aber wie?“
     „Pass auf, wir schreiben auf Zettel, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, und nachher, wenn es dunkel ist, flitze ich zur Gärtnerei und zu mir nach Hause und lege die Zettel vor die Haustüren.“
     „Aber dann können die wegfliegen. Am besten legst du noch einen Stein drauf.“
Richtig, dann konnte der Wind die Zettel nicht weg- wehen. Sie nahmen Steffens Federmappe und sein Deutschheft aus dem Ranzen, rissen zwei Seiten aus dem Heft, und Will schrieb auf den ersten Zettel:
LiEBE MAMA LiEBER PAPA
STEFEN UND iCH SIND IN SiECHERHEIT. Wir KOMEN ERST NACH HAUSE WENN DiE LUFT REiN i  DAS jUGENAMT UND DiE POLLiZEi WEK iS
STEFENS MAMA brAUCHT HiLFE!!
EUA LiEBER SOHN WiLL

PS STEFEN iSST iN NOT UND iCH KANN iEN NiCHT ALEIN LASSEN


Dann schrieb er auf den zweiten Zettel:

LiEBE FrAU STArKSCHTrOM
STEFEN iSST iN SiECHERHEiT iCH bLEiBE bEi ein UND PASE AUF iEM AUF BiSS DiE LUFT rEiN iSST
SAG Der pOLLizEi UND DEM jUGENAMT DAS Er Bei Dir bLEibEN WiLL SONST KOMMT ER NiCHT NACH HAUSE
DU MUSST KEiNE ANKST KriEGEN
ES GEET iEM GUT FiELE LiEBE GrÜSE UND GUTE bESSERUNK FON STEFFEN UND WiLL
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #9 - 08.01.10 um 08:12:25
 
6. Kapitel

Nachdem er zwei Straßen entfernt war, blieb er stehen um nachzudenken, wo er was zu trinken für Steffen auf-treiben sollte. Die Läden hatten alle schon geschlossen. Eigentlich brauchte er ja nur Wasser, ganz normales Wasser.
Er musste an den Fluss denken, da gab ´s  wirklich Wasser in Hülle und Fülle. Aber das durfte man nicht trinken. Also, Menschen durften das nicht trinken, nur Tiere, die durften das. Und Fische, die durften da sogar drin schwimmen. Aber für Menschen war das zu gesund-heitsschädlich. Das hatte ihm Nobbi Nolte, der Bootsver-leiher erklärt. – Nobbi Nolte!
Genau! Sein alter Kumpel Nobbi Nolte war die Lösung des Problems. Denn der hatte ja auch einen kleinen Kiosk bei seinem Bootsverleih mit dabei. Den würde er für Will bestimmt aufmachen, denn Will hatte ihm schon oft bei Arbeiten an den Booten geholfen oder sonst kleine Erledigungen für ihn gemacht.
Nobbi Nolte war einer der prächtigsten Typen, die Will je kennen gelernt hatte. Er redete zwar nicht besonders viel, aber wenn er was sagte, dann war es immer was Inter-essantes. Nobbi war früher Lehrer gewesen, er hatte an der Grundschule Werken, Sachkunde und Sport unter-richtet. Ja, auch Sport, was man gar nicht vermuten würde. Denn Nobbi hatte einen Bierbauch und war nicht gerade flink.
Will hatte ihn gefragt, letzten Sommer, als er bei ihm auf dem Bootsanleger gesessen und geangelt hatte, warum er jetzt Bootsverleiher und nicht mehr Lehrer war. Da hatte sich Nobbi an seinem spärlichen Haarkranz gekratzt und gesagt:
     „Weißt du, Jungchen, Lehrer sind auch nur Menschen und haben gelegentlich kleine Fehler und Schwächen. Und ich bin mit meinen Fehlern und Schwächen nicht mehr gegen den Stress in der Schule angekommen. Es ist mir alles zu hektisch geworden, zu unruhig. Die Zeit für den Werkunterricht wurde immer kürzer, beim Sport-unterricht war ´s nicht viel besser. Die Kinder sollten immer mehr Mathe und Deutsch lernen und leisten und schaffen und still sitzen und sich den Kopf zerquälen. Das hat mir nicht gefallen. Und da habe ich eines Tages gesagt: Das mach ich nicht mehr mit. Ich hör hier auf und eröffne stattdessen einen Bootsverleih.“
Dieser Bootsverleih bestand aus dem alten Bootsanleger und einem kleinen, gelben Haus, in dem Nobbi wohnte. Er hatte noch einen Schuppen dabei, in dem er im Winter seine Boote aufbewahrte und reparierte. Denn er besaß vier Ruderboote, drei Paddelboote und ein Tretboot.

Nobbis Haus hatte ein Fenster zur Straße, das er umge-baut hatte. Man konnte es jetzt zur Seite aufschieben. Denn das war das Kioskfenster von Nobbi Noltes Kiosk. Hier kauften sich die Kinder Eis und Süßigkeiten oder Brause und Cola. Es gab auch Hotdogs, Minipizzas und im Sommer zur Hochsaison sogar Pommes frites. Will bekam immer mal ein Eis oder einen Hotdog umsonst, wenn er beim Boote streichen oder Bootsanleger schrubben geholfen hatte. Einmal hatte ihm Nobbi auch eine Schachtel Zigaretten für seinen Vater und eine Tüte Kekse für seine kleinen Brüder geschenkt, weil Will Nobbi einen ganzen Nachmittag lang beim Boote verleihen vertreten hatte.
Die größte Attraktion allerdings fand bei Nobbi immer am Samstagnachmittag statt. Denn immer am Samstag-nachmittag um 15 Uhr läutete Nobbi mit einer Kuh-glocke, die er sich aus einem Urlaub in den Bergen mitgebracht hatte, sodass es weithin zu hören war, und rief mit lauter Stimme:
     „Alle Kinder mal herkommen! Nobbi Noltes Kasper-kiste wird geöffnet! Kasperle ist wieder da und hat euch eine neue Geschichte mitgebracht! Alle Kinder mal herkommen!“
Dann kamen alle Kinder aus der Umgebung angelaufen, ja, sogar ganze Familien mit Kinderwagen und Pick-nickkörben kamen, denn alle wollten Nobbi Noltes Kasperkiste sehen und Neues vom Kasperle hören. Nobbi hatte dann jedes Mal unter dem Vordach seines Schup-pens Sitzbänke aufgebaut. Vor den Sitzbänken stand auf einem alten Gartentisch ein großer, hölzerner Koffer, den Nobbi selbst gebaut hatte. Das war Nobbi Noltes Kasperkiste.
Wenn alle Kinder und Eltern auf ihren Plätzen saßen, zog Nobbi an der Vorderseite des Koffers ein Brett heraus, sodass ein Bühnenvorhang zum Vorschein kam. Dann klappte er auf der Rückseite des Koffers zwei Türen auf, setzte sich hinter den Tisch auf einen Stuhl und kurz darauf steckte ein lustiger Kasperle seinen Kopf hinter dem Bühnenvorhang hervor und rief:
     „Hallo, liebe Kinder, seid ihr alle da?“
So fingen Nobbis Kasperletheaterstücke alle an. Jeden Samstag gab es ein anderes Theaterstück. Das gefiel den Kindern so gut, dass sie sich die ganze Woche auf den Samstagnachmittag bei Nobbi freuten.

An all das dachte Will, während er im Dauerlauf die Strecke zum Bootsanleger zurücklegte. Schon von weitem sah er, dass der Kiosk geschlossen hatte. Aber das machte nichts. Er klingelte einfach an der Haustür.
Von drinnen ertönte lautes Hundegebell. Das war Wuffi, Nobbi Noltes Bernhardiner. Dann ging die Tür auf und als erstes kam Wuffi heraus und wedelte mit dem Schwanz, als er Will erkannte. Hinter ihm stand Nobbi und grinste freundlich:
     „Ah, mein Helfer bei Arbeiten aller Art kommt zu Besuch. Guten Abend, Will.“
Er reichte Will die Hand und schüttelte sie herzhaft.
     „Komm rein, Jungchen. Ich bin gerade in der Küche und mache mir Bratkartoffeln mit Spiegelei. Willst du was abhaben?“
Oh, es roch so gut. Am liebsten hätte sich Will gleich an den kleinen Küchentisch gesetzt und mit Nobbi gegessen. Aber das ging ja nicht. Er sagte:
     „Danke, Nobbi, aber ich hab leider keine Zeit. Ich hab nämlich ein Problem.“
     „Du hast ein Problem?“, Nobbi guckte Will mit hoch-gezogenen Augenbrauen über den Rand seiner Brille fragend an.
     „Ja, ein Freund von mir ist in Not. Er braucht was zu essen und zu trinken, und außerdem ist er krank, er hat Fieber und rote Flecken im Gesicht.“
Will sah Nobbi erwartungsvoll an. Der kratzte sich hinter einem seiner großen Ohren und sagte:
     „Du meinst, ich soll dir helfen?“
     „Ja, bitte, ich hab gedacht, du kannst mir ein paar Sachen aus deinem Kiosk verkaufen. Wasser zum Beispiel, wir brauchen vor allem Wasser, denn Stef…, ich meine, mein Freund hat ganz dollen Durst. Und dann vielleicht noch ein paar von deinen Hotdog-Brötchen oder was du so da hast.“
     „Dein Freund, wo ist der denn? Bei euch zuhause?“, fragte Nobbi und guckte wieder über den Brillenrand.
     „Äh, ja, das darf ich nicht sagen. Er ist auf jeden Fall an einem sicheren Ort. Er kann momentan nicht nach Hause und da hab ich ihn sozusagen sicher unterge-bracht. In einem Geheimversteck. Ich meine, du kannst mir doch mal ausnahmsweise helfen, auch wenn ich nicht sage, wo das Geheimversteck ist, oder? – Ich hab auch Geld dabei. Ich kann alles bezahlen.“
Will guckte fast ein wenig ängstlich.
     „Doch, doch, Jungchen, das kann ich schon machen. Nur musst du mir versprechen, dass du gleich morgen früh, noch vor der Schule, hierher kommst und mir sagst, wie es deinem Freund mit seinem Fieber geht. Ver-sprichst du mir das?“
     „Ja, klar, großes Präsidentenehrenwort! Ich ver-spreche es!“, sagte Will schnell und zog Steffens Port-monee hervor.
     „Guck mal, ich hab einen 10-Euroschein und dann noch einen Euro und 70 Cent. Dafür kann ich doch ne ganze Masse bei dir einkaufen, stimmt ´s?“
     „Sicher, das kannst du“, sagte Nobbi. „Aber weißt du was, behalte dein Geld mal lieber, vielleicht brauchst du es noch für irgendwelche anderen Sachen. Ich geb dir jetzt so, was du brauchst. Dafür kannst du ja wieder zum Helfen kommen. Das ist dann so eine Art Vorschuss.“
Er zog die Bratpfanne von der Herdplatte herunter und ging vor Will her in seinen Verkaufsraum.
     „So, dann wollen wir mal sehen, was wir so alles da haben. Du weißt ja, im Moment ist nicht viel los hier. Im April kommt fast nie einer zum Bootsanleger und da hab ich auch nicht viel in meinem Kiosk.“
Er nahm drei Flaschen Mineralwasser aus einer Kiste und tat sie in eine Plastiktüte.
     „Reicht das für ´s Erste?“
Will nickte. Nobbi ging zu seiner kleinen Kühltruhe und holte einen Beutel mit Brötchen heraus.
     „Ich habe momentan nur eingefrorene. Aber die tauen ja auf, und dann könnt ihr die essen.“
Er ging zu einem Regal und sagte:
     „Paar Erdnüsse gefällig?“
     „Ja, wenn du welche überhast“, sagte Will.
     „Klar hab ich die über. Für Notfälle habe ich so was immer über. Kekse sind hier auch noch. Und weißt du, Will, ein bisschen was Frisches kann eigentlich auch nicht schaden. In der Küche habe ich noch ein paar Äpfel. Die kannst du auch kriegen.“
Nobbi packte die Brötchen, die Erdnüsse und die Kekse in die Plastiktüte, nahm die Tüte und ging wieder in die Küche.
     „Komm, setz dich noch ein Momentchen, Will, ich muss dich noch was fragen“, sagte er. Will setzte sich. Er war ein bisschen ungeduldig. Was wollte Nobbi denn noch fragen? Er wollte Nobbi nämlich selber noch was fragen und gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass er Steffen nicht so lange allein lassen dürfte.
     „Ja, was ich fragen wollte“, setzte Nobbi an.
     „Kann ich erst was fragen?“
     „Ja, natürlich, wenn du noch was auf dem Herzen hast, Jungchen.“
     „Was macht man gegen Fieber?“
     „Na, das wollte ich dich doch auch gerade fragen, ob du was gegen Fieber hast“, sagte Nobbi und schmunzelte. „Aber wie ich deiner Frage entnehme, hast du das nicht.“
     „Nee, hab ich nicht.“
     „Gut, dann gucke ich jetzt mal in meine Haus-apotheke, ob ich da noch was Geeignetes für deinen Freund finden kann.“
Nobbi ging ins Bad und kam gleich darauf wieder in die Küche. Er legte drei kleine Tabletten auf den Tisch, dann riss er ein Stück Papier von einem Notizblock ab und wickelte die Tabletten darin ein.
     „Pass auf“, sagte er, „die helfen gegen Fieber. Die muss man aber nur nehmen, wenn das Fieber ganz hoch ist. Und wenn dein Freund eher klein ist, sagen wir mal, ungefähr so groß wie du selber, dann darfst du ihm nur die halbe Tablette geben, und nach ein paar Stunden wieder eine halbe. Kapiert?“
Will nickte:
     „Klar, kapiert.“
     „Davon geht das Fieber runter, wenn man weiter nichts Schlimmes hat, und dann fängt man an zu schwitzen. Wenn man allerdings schwitzt, muss man schön warm gehalten werden. Kriegst du das hin?“
Nobbi guckte streng. Und Will dachte an die alten Samt- vorhänge. Ob die warm genug waren? Wenn Steffen plötzlich anfing rumzuschwitzen? Er wusste es nicht und sagte vorsichtshalber:
     „Hm, das weiß ich nicht so genau. Vielleicht hast du eine Wolldecke über?“
     „Hab ich, hab ich“, sagte Nobbi freundlich und ver-schwand in seinem Schlafzimmer, das gleichzeitig sein Wohnzimmer war. Er kam mit einer molligen, grauen Decke mit roten und schwarzen Karostreifen zurück.
     „So, die nimmst du auch noch mit“, sagte er und guckte Will an.
     „Und?“,  fragte er.
     „Was und?“, fragte Will zurück.
     „Hast du alles, was du brauchst?“
     „Eigentlich schon. Bloß dass wir gar kein Licht haben, das ist noch so ´n kleines Problem. Ne Kerze wär nicht übel“, sagte Will. Er dachte: Wenn ich schon mal hier bin, dann kann ich es auch gründlich machen.
     „Äh, ne Kerze, kein Problem, die hol ich dir.“
Nobbi nahm eine dicke kurze Kerze, die schon ein Stück heruntergebrannt war, aus seinem Küchenschrank.
     „Hier, meine Frühstückskerze. Die zünde ich immer an, wenn Wuffi und ich frühstücken. Reicht die erst mal?“
     „Klar, die reicht voll“, sagte Will und stand auf. „Danke, Nobbi, es ist supercool von dir, dass du mir so viele Sachen gibst. Wenn du willst, kann ich dafür im Sommer eine ganze Woche Vertretung beim Bootsverleih für dich machen.“
     „Da reden wir später drüber“, sagte Nobbi und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich merke, dass du es eilig hast. Also hau schon ab, und morgen früh, du weißt ja, was du mir versprochen hast.“
     „Ja, ich komme morgen früh vorbei, kannst du dich drauf verlassen. Vielen Dank noch mal und gute Nacht, Nobbi, bis morgen.“
     „Gute Nacht, Jungchen, und viel Glück.“

Will ging noch schnell zu Wuffi, drückte ihn kurz und flüsterte in sein Fell:
     „Wuffi, alte Kumpelblase, drück mir die Daumen oder besser gesagt die Pfoten, dass alles gut läuft heute Nacht.“
Dann schob er sich die Wolldecke unter den linken Arm und nahm die Plastiktüte mit all den Sachen in die rechte Hand.
     „Tschüss!“, rief er noch und dann war er schon zur Tür heraus und ging im Eilschritt Richtung Fahrrad-fabrik. Zum Glück waren um diese Zeit nicht viele Leute zu Fuß unterwegs, sodass Will unbemerkt zum Loch im Zaun gelangen konnte. Er kroch durch das Gebüsch, wobei er mehrfach mit der Wolldecke an widerborstigen Ästen hängen blieb. Aber schließlich gelangte er zu dem kaputten Fenster und kurz darauf war er mitsamt seinen Besorgungen heile in der Werkhalle gelandet.
Es war stockdunkel.
Steffen hatte offensichtlich keine Feuerexperimente gemacht. Aber Will hörte ihn leise stöhnen. Dann brum-melte Steffen etwas vor sich hin, dass sich anhörte wie: „Tritratralala, Kasperle ist da.“ Aha, dachte Will, Steffen fantasiert. Er holte die Kerze aus der Plastiktüte und tastete sich zu Steffens Lager vor. Dann suchte er auf dem Boden nach dem Feuerzeug. Verflixt, er fand es nicht. Er suchte auf der Matratze weiter. Aber es war nirgendwo zu finden. Er fasste Steffen ans Bein und fragte:
     „He, Steffen, wo ist das Feuerzeug?“
Steffen brummelte weiter was von einem Kasperle vor sich hin. Will sagte laut und deutlich:
     „Steffen, wach auf und sag mir, wo das Feuerzeug ist.“
Wills Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, und so sah er, dass Steffen den Kopf hob.
     „Steffen, wo hast du das Feuerzeug gelassen?“
     „Das Feuerzeug? Das hat doch Kasperle. Der wollte damit den Weihnachtsbaum anzünden“, sagte Steffen und kicherte. Aha, der spinnt jetzt vollends, dachte Will und sagte:
     „Komm schon, es muss doch irgendwo sein. Das mit Kasperle hast du nur geträumt.“
     „Ach ja, hier“, sagte Steffen, „ich hab ´s ja in der Hand.“
Na endlich! Wenig später flackerte das Licht der Kerze und warf hinter den Maschinen riesige Schatten an die Wände der Werkhalle.
     „Willst du was trinken?“, fragte Will.
     „Au ja, ich hab ganz dollen Durst.“
Daraufhin goss Will etwas Mineralwasser in die Tassen und dann tranken die beiden Jungen die Tassen leer.
     „Ich hab hier ne Pille gegen Fieber“, sagte Will.
     „Nee, keine Pille“, stöhnte Steffen, „die krieg ich nicht runter. Ich muss noch ein bisschen schlafen.“
Er drehte sich auf die Seite und fing wieder an zu schnarchen.
Will fühlte Steffens Stirn und beschloss, ihn mit der Pille in Ruhe zu lassen. Es stimmte ja, so eine Pille, die konnte einem wirklich im Hals stecken bleiben. Nee, das Risiko wollte er nun doch nicht eingehen.
Und so setzte sich Will neben Steffen auf das Matratzen-lager und aß erst mal eine Handvoll Erdnüsse, fünf Kekse und einen Apfel. Er war sehr hungrig und stellte fest, dass alles sehr lecker schmeckte. Anschließend trank er noch eine Tasse Mineralwasser und rülpste zufrieden.
So, jetzt konnte die Nacht kommen mit all ihren Schrecken. Er hatte keine Angst. Oder höchstens ein ganz klein bisschen Angst. Denn die Schatten an der Wand bewegten sich im Schein der Kerze hin und her wie große Gespenster. Geradezu schaurig sah das aus.
Will hatte es plötzlich eilig, sich zu Steffen zu legen und von einer warmen Wolldecke bedeckt zu sein. Er zog den Samtvorhang von Steffens Körper und deckte ihn mit der Wolldecke zu. Dann breitete er den Samtvorhang über der Wolldecke aus. Als Kopfkissen für sich selber holte er Steffens Ranzen von der Werkbank.
Will krabbelte zu Steffen unter die Decke. Dann pustete er die Kerze aus und sagte in die Dunkelheit hinein laut „Gute Nacht“. Von Steffen strömte wohlige Wärme zu ihm herüber. Wäre es nicht etwas gruselig gewesen, dann hätte es beinahe gemütlich sein können.
Will dachte noch kurz, dass er eigentlich einen Plan für den morgigen Tag machen müsste. Aber ihm fiel keiner ein. Und so zog er sich die Wolldecke über den Kopf und war kurz darauf eingeschlafen.
Irgendwann wurde er noch mal für einen Moment wach, weil er glaubte, Hundegebell gehört zu haben. Es hatte sich im Schlaf wie das Bellen von Wuffi angehört. Aber das war wohl nur ein Traum gewesen …

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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #10 - 08.01.10 um 08:30:06
 

7. Kapitel

Ihr möchtet sicher wissen, wie es inzwischen im Hause Starkstrom weiter gegangen ist. Ich will es euch erzählen:
Frau Starkstrom war im blauen Haus verschwunden, um die Polizei anzurufen. Kurz darauf kam sie wieder raus und rief von der Haustür her:
     „Kommt doch mal alle her, wir müssen was bereden.“
Lotta, Ernestine und Frau Spindelhirn-Hinrichsen gingen zu Frau Starkstrom. Die Lehrerin fragte:
     „Was hat man Ihnen bei der Polizei gesagt?“
Frau Starkstrom wirkte noch aufgeregter als vorher:
     „Kommen Sie doch bitte erst mal rein, ihr auch, Lotta und Tine.“
Sie ging vor den anderen ins Haus hinein.
     „Bitte, hier herein“, sagte sie und öffnete die Tür zu einer kleinen Stube. „Unser Wohnzimmer.“
Sie betraten ein etwas unordentliches Zimmer mit Dielenfußboden und holzgetäfelten Wänden, an denen mit Heftzwecken bunte Kinderzeichnungen befestigt waren. In der Mitte des Zimmers lag ein Flickenteppich, auf dem ein kleiner Holztisch, ein verschlissenes geblüm-tes Sofa und ein Korbsessel standen. In einer Ecke des Zimmers stand ein Bücherregal, in der nächsten Ecke ein alter Holzofen, gegenüber in der Ecke befand sich der Fernseher und in der vierten Ecke lagen ein paar Sitz-kissen.
     „Setzen wir uns“, sagte Frau Starkstrom. Die Lehrerin setzte sich in den Korbsessel und Frau Starkstrom nahm auf dem Sofa Platz. Lotta und Ernestine setzten sich rechts und links von ihr hin.
Miau hatte auf der Fensterbank gelegen und geschlafen. Nun erhob sie sich, reckte und streckte sich, sprang mit einem eleganten Sprung auf die Rücklehne des Sofas und sagte in fragendem Tonfall:
     „Miau?“
Sie wollte sicherlich auch gern wissen, wo Steffen steckte.
     „Frau Starkstrom, wann kommt denn nun endlich die Polizei?“, fragte Lotta und wippte ungeduldig auf der Sofakante auf und ab. Sie fügte hinzu:
     „Die kommen bestimmt mit Blaulicht und Tatütata!“
     „Es heißt nicht Tatütata, es heißt Martinshorn“, sagte Ernestine.
     „Die Polizei kommt gar nicht“, sagte Frau Starkstrom. „Denn ich habe sie nicht angerufen.“
     „Nicht angerufen?“, fragte die Lehrerin. „Warum nicht? Meinen Sie nicht, dass es besser wäre, die Polizei zu informieren?“
     „Eigentlich schon, das würde ich normalerweise auch tun, aber ich möchte vorher doch lieber noch ein bisschen überlegen“, sagte Frau Starkstrom und knetete nervös mit ihrer rechten Hand die Finger ihrer linken Hand. „Ich hab ja auch schreckliche Angst, dass Steffen was passiert ist. Andererseits kann es aber auch so sein, dass er sich irgendwo verkrochen hat und bald von ganz allein nach Hause kommt.“
     „Aber es kann doch nicht schaden, wenn du die Polizei anrufst“, sagte Ernestine.
     „Doch, es kann leider schaden“, sagte Frau Stark-strom. „Es kommt nämlich nächste Woche eine Frau vom Jugendamt zu uns. Die guckt, ob hier bei Steffen und mir alles richtig läuft. Und wenn die hört, dass Steffen ver-schwunden war und dass sogar die Polizei nach ihm gesucht hat, dann kann es passieren, dass mir Steffen weggenommen wird.“
     „Aber Frau Starkstrom“, sagte die Lehrerin und guckte sehr erstaunt, „warum sollte Ihnen denn irgend-jemand Ihren Sohn wegnehmen wollen?“
     „Tja, das hängt mit Steffens Vater zusammen. Wir haben uns vor zwei Jahren getrennt, und nun wohnt er in einer anderen Stadt. Er hat eine neue Familie und ist Chef in einem großen Gartencenter. Und er findet halt, dass Steffen es bei mir nicht besonders gut hat, besonders weil ich krank bin.“
Jetzt zitterten Frau Starkstroms Hände und ihre Stimme hörte sich ziemlich dünn an:
     „Ich rede da nicht so gerne drüber. Aber es hilft ja nichts, wir müssen darüber sprechen. Ich hab seit einem Jahr Krebs. Und das wird und wird nicht besser.“ Sie seufzte und fuhr fort:
     „Na ja, er denkt halt, dass ich nicht mehr richtig für Steffen sorgen kann. Er denkt, ich soll die Gärtnerei dicht machen und mich von morgens bis abends nur noch um meine Krankheit kümmern. Und der Steffen, der soll zu ihm, weil es da viel ordentlicher ist und weil sie mehr Geld haben. Er findet auch, dass Steffen in Lumpen rumläuft. Er sagt immer: wie ein Penner, und dass ich Steffen anständige Kleider kaufen soll.“
     „Was?“, rief Lotta, „Steffen sieht doch voll cool aus in seinen Klamotten!“
     „Ja, das findet er ja selber auch“, sagte Frau Starkstrom, „Er will diese Sachen unbedingt anziehen. Er sucht sich seine Kleidung am liebsten selber auf Flohmärkten aus. Aber sein Vater denkt, er sei total vernachlässigt und ungepflegt. Immer sagt er: Kann der Junge nich ´n ordentlichen Haarschnitt kriegen? Wie sieht das denn aus mit dieser verfilzten Rastafrisur! Und dann noch dieses alberne Stirnband!“
Ernestine hob den Zeigefinger und sagte:
     „Steffens Papa scheint nicht viel von den Selbst-bestimmungsrechten von Kindern zu halten. Steffen denkt sich doch was bei seiner Frisur und seinem Stirnband. Das ist doch sein eigener Stil. Und das bisschen Freiheit darf ein Kind ja wohl haben, dass es seine Klamotten selber aussuchen darf!“
Lotta fügte hinzu:
     „Ich finde, dass Steffen das coolste Outfit von allen an unserer Schule hat. Außerdem spart es doch ne Menge Geld, wenn man Klamotten auf dem Flohmarkt kauft und fast nie zum Friseur muss.“
     „Ja, Lotta, ich hab auch versucht, Steffens Vater zu erklären, dass es Steffens eigene Sache ist, welche Frisur er haben und welche Kleider er tragen möchte“, sagte Frau Starkstrom. „Außerdem hab ich wirklich nicht viel Geld. Steffen hat ja Gitarrenunterricht, weil er später Musiker werden will. Und da hab ich gesagt, dann müssen wir woanders sparen, sonst kann ich das nicht bezahlen.“
     „Bekommen Sie denn keinen Unterhalt für Steffen von seinem Vater?“, fragte die Lehrerin.
     „Was ist das: Unterhalt?“, fragte Lotta.
Ernestine sagte:
     „Wenn Eltern sich scheiden lassen, dann muss der, bei dem die Kinder nach der Scheidung nicht wohnen, jeden Monat Geld für die Kinder an den zahlen, bei dem die Kinder sind. Aber nur, wenn er genug Geld hat. Das hat meine Mutter mir erzählt. Die ist ja Rechtsanwältin und muss oft Leuten helfen, die sich scheiden lassen wollen.“
     „Und? Hat er nicht genug Geld?“, fragte Lotta. „Ich meine, wenn er Chef von so einem großen Gartendings-bums ist?“
     „Ja, der hat schon genug Geld“, sagte Frau Stark-strom. „Aber ich will von dem keinen Cent haben. Mir reicht es schon, dass wir alle vierzehn Tage wegen Steffens Besuchsfahrten telefonieren müssen. Und ganz bestimmt reicht es mir, dass er mir nun auch noch das Jugendamt ins Haus geschickt hat.“
Sie guckte zur Lehrerin und fuhr fort:
     „Sie müssen nicht denken, dass ich Steffen von seinem Vater fernhalten will oder so. Aber ich will ihn mir auch nicht wegnehmen lassen.“
Die Lehrerin beugte sich vor und legte eine Hand auf Frau Starkstroms Knie:
     „Aber Frau Starkstrom, ich denke gar nichts Schlechtes von Ihnen. Ich sehe, dass Sie in einer ganz schweren Lage sind.“
     „Ja, Frau Starkstrom, du musst nicht denken, dass Frau Spindelhirn irgendwas auf der Welt nicht versteht“, sagte Lotta und warf ihrer Klassenlehrerin einen bewundernden Blick zu. „Die versteht alles, sogar wenn man sich im Unterricht aus Versehen mal in die Hose gemacht hat.“
Frau Starkstrom lächelte:
     „Ach, Lottachen, das beruhigt mich aber.“
     „Ja, da kannste echt ganz beruhigt sein“, erwiderte Lotta. Die Lehrerin sagte:
     „Ich habe Steffen neulich nach dem Unterricht ge-fragt, was ihn bedrückt und ob es irgendwas gibt, was er erzählen möchte. Aber er hat nur gesagt, dass nichts ist.“
     „Das ist eigentlich meine Schuld, dass er Ihnen nichts erzählt hat“, sagte Frau Starkstrom und sah ziemlich un-glücklich aus. „Denn ich habe ihm gesagt, dass wir das mit meiner Krankheit nicht herumerzählen wollen. Wissen Sie, ich mag das nicht, wenn die Leute einen so mitleidig angucken. – Aber das ist falsch von mir ge-wesen. Ich sollte mich nicht darum kümmern, was die Leute denken und wie die gucken. Denn damit habe ich Steffen noch mehr Sorgen bereitet.“
Sie verstummte und schaute ungefähr genauso starr vor sich hin, wie das sonst bei Steffen der Fall war. Dann fuhr sie fort:
     „Es ist auch wegen meiner Gärtnerei. Ich liebe meine Gärtnerei, auch wenn sie klein ist. Aber ich schaffe die Arbeit nicht mehr. Und den Haushalt auch nicht – wie man ja wohl an den Staubflusen und Krümeln auf dem Fußboden sieht. Ich war immer sehr tüchtig in meinem Beruf, habe sogar Preise für meine Pflanzenzüchtungen gewonnen. Und jetzt soll das plötzlich alles zu Ende sein? – Ich möchte nicht, dass die Leute hierher kommen und denken, sie kaufen hier das letzte Mal ein, weil ich am Ende bin.“
     „Aber das ist doch zu verstehen, dass Sie nicht möchten, dass jeder weiß, wie krank Sie sind“, sagte die Lehrerin.
     „Hauptsache, wir wissen es“, sagte Lotta, „weil wir nämlich überhaupt nicht mitleidig gucken, sondern wir wollen lieber was helfen.“
     „Ja“, sagte Ernestine und setzte eine feierliche Miene auf. „Frau Starkstrom, ich komme jetzt jeden Tag zu dir und helfe dir. Wir müssen nur erst Steffen wiederfinden.“
Die Lehrerin sagte:
     „Wenn ich jetzt alles richtig verstanden habe, dann sollten wir tatsächlich noch warten bis wir die Polizei rufen. Meistens können die ja sowieso nicht helfen. Die machen zunächst nichts anderes als nachzugucken, ob irgendein Unfall war, ob ein Kind ins Krankenhaus eingeliefert worden ist und ob das dann vielleicht das verloren gegangene Kind sein könnte. Das können wir auch selber erledigen. Und ich finde, dass Lotta und Ernestine vollkommen Recht haben. Mitleidig gucken bringt gar nichts, Mitanpacken hilft!“
Sie sah ihre beiden Schülerinnen mit einem warmen Blick an, so als wäre sie sehr froh darüber, so kluge Kinder in ihrer Klasse zu haben.
     „Genau, wir wollten heute ja eigentlich Pflanzen eintopfen“, sagte Lotta.
     „Ja, wenn das so ist, dann möchte ich jetzt mal einen Vorschlag machen“, sagte Frau Spindelhirn-Hinrichsen. „Ich könnte die umliegenden Krankenhäuser anrufen und fragen, ob irgendein Unfall passiert ist, der mit Steffen zu tun haben könnte. Und dann warten wir erst mal ab, dass Will vom Bootsanleger zurückkommt. Es kann ja sein, dass die beiden hier gleich gesund und munter hereinspaziert kommen.“
Frau Starkstrom sah erleichtert und besorgt zugleich aus und sagte:
     „Doch, da bin ich auch dafür, dass wir das jetzt erst mal so machen“
     „Gut“, sagte die Lehrerin, „dann habe ich gleich noch einen Vorschlag auf Lager. Während wir warten, können wir doch schon mal mit dem Pflanzen eintopfen anfan-gen. Ich wollte zwar eigentlich heute noch Diktate korrigieren, aber das kann auch mal einen Tag warten.“
     „Genau, das kann warten“, sagte Lotta. „Denn sonst haut Steffen gleich noch mal ab, wenn er morgen sein Diktat mit 500 roten Strichen zurückkriegt.“
     „Das stimmt nicht, Lotta“, sagte Ernestine. „Er hat noch nie 500 Fehler im Diktat gehabt, höchstens 50 …“
     „Hauptsache, er kommt recht bald nach Hause“, sagte die Lehrerin. „Das mit dem Diktat und den vielen Fehlern, das kriegen wir schon geregelt. Momentan haben wir andere Probleme.“
Frau Starkstrom fing wieder an, mit ihren Händen herum zu wurschteln und sagte:
     „Also, wissen Sie, Frau Spindelhirn-Hinrichsen, das kann ich nicht gut annehmen, dass Sie hier bei mir Pflanzen eintopfen. Sie sind doch Lehrerin und haben selber ganz viel Arbeit. Ich möchte nicht, dass Sie Ihre wertvolle Zeit hier mit Eintopfen verbringen.“
     „Diese Zeit nehme ich mir“, sagte die Lehrerin. „Und wenn ich sie mir genommen habe, dann habe ich sie auch und kann damit machen, was ich will.“
Das hörte sich so energisch und überzeugend an, dass Frau Starkstrom aufstand und sagte:
     „Ja, dann …, dann machen wir das jetzt so.“

Kurze Zeit später hatte die Lehrerin alle umliegenden Krankenhäuser angerufen und herausgefunden, dass da nirgends ein kleiner, verunfallter, blonder Junge mit rotem Stirnband eingeliefert worden war. Frau Starkstrom sagte:
     „Das beruhigt mich jetzt doch ein wenig. Andererseits frage ich mich, warum Will nicht zurückkommt. Der müsste doch schon längst wieder hier sein.“
     „Ha, der denkt bestimmt: Ohne Steffen komme ich nicht zurück, und sucht weiter“, meinte Lotta.
     „Ja“, sagte Ernestine, „das glaube ich auch.“
     „Na, dann will ich das auch mal glauben“, sagte Frau Starkstrom mit einigem Zweifel in der Stimme. „Dann gehen wir jetzt ins Gewächshaus, denn davon, dass wir hier rumstehen, kommt keiner schneller zurück.“
Sie kramte eine alte grüne verschlissene Gärtnerschürze aus einem Regal und gab sie Frau Spindelhirn-Hinrichsen.
     „Bitte, die sollten Sie überziehen, damit Ihre Kleidung nicht schmutzig wird.“
Die Lehrerin band die Schürze um. Auf der Schürze waren die Worte „Grün ist Leben“ aufgedruckt. Lotta buchstabierte:
     „G r ü n  i s t  L e b e n. Was heißt das? Soll das heißen, dass Leben eine Farbe hat?“
     „In gewisser Weise ja“, sagte Frau Starkstrom. „Leben selber hat zwar keine Farbe, jedenfalls keine bestimmte. Aber die Gärtner in unserem Land drucken diese Worte auf Schürzen, Einkaufstüten und Plakate, um die Menschen daran zu erinnern, dass es ohne Pflanzen kein Leben auf der Erde geben könnte. Es müsste genau genommen heißen: Pflanzen sind Leben.“
Ernestine nickte eifrig:
     „Ja, darüber habe ich schon ganz viel gelesen. Der Baumbestand auf der Erde geht nämlich zurück. Es gibt immer mehr Gegenden, wo gar nichts mehr wächst, immer größere Wüsten. Und in der Wüste kann der Mensch nicht leben. Nur dort, wo es in der Wüste eine Wasserquelle gibt, da wächst noch was. Das sind die Oasen, da leben die Leute.“
Lotta sah sehr erschrocken aus:
     „Frau Spindelhirn, kann die Wüste auch zu uns nach Deutschland kommen?“
     „Kindchen“, sagte die Lehrerin, „nein, zu uns nach Deutschland kommt die Wüste nicht. Wenn niemand etwas tun würde, dann würde sie irgendwann auch zu uns kommen. Aber es gibt immer mehr Menschen, die erkannt haben, dass die wichtigste Arbeit auf der Erde darin besteht, die Ausbreitung der Wüstengebiete zu stoppen.“
     „Genau!“, rief Ernestine. „Wenn ich groß bin, dann will ich auch eine Wüstenstopperin werden. Ich hab nämlich gelesen, dass man aus Wüsten wieder grünes Land machen kann.“
     „Das stimmt“, sagte Frau Starkstrom. „Es ist zwar kompliziert und es dauert lange, aber es ist möglich. Man kann aus Sandboden, wo gar nichts mehr wächst, wieder richtig guten Boden machen. Deshalb lieben wir Gärtner ja unseren Beruf so sehr, weil wir Jahr für Jahr viele, viele Milliarden Pflanzen züchten und vermehren und mithelfen, dass die grüne Decke unserer Erde erhalten bleibt.“
     „Dann will ich jetzt sofort auch was für die grüne Decke tun und ganz viele Pflanzen eintopfen!“, rief Lotta mit leuchtenden Augen. „Was meinst du, Frau Stark-strom, wie viele kann ich heute schaffen, wenn ich ganz schnell mache?“

Wenig später standen alle vier an den Arbeitstischen im größeren der beiden Gewächshäuser. Weil die Tische zu hoch für Kinder waren, hatten Lotta und Ernestine unter ihren Füßen umgedrehte Plastikkisten, die Frau Stark-strom normalerweise zum Transport der Pflanzen be-nutzte. An jedem Arbeitsplatz hatte sie einen großen Haufen krümelige, dunkle Erde hingeschüttet, daneben standen Stapel mit rechteckigen, schwarzen Blumen-töpfen. Frau Starkstrom hatte das Licht eingeschaltet, weil es draußen langsam dunkel wurde. Sie sagte:
     „Ich hole jetzt für jede von uns eine Palette mit Jungpflanzen. Lotta kriegt den Thymian, Ernestine den Salbei, Frau Spindelhirn-Hinrichsen den Lavendel, und ich nehme die Pfefferminze.“
Die Paletten sahen aus wie Tabletts mit ganz vielen Vertiefungen, in denen kleine Pflanzen wuchsen, 150 Stück pro Tablett. Frau Starkstrom zeigte allen, dass man zuerst unten in die eckigen, schwarzen Töpfe eine Schicht Erde tun musste, dann eins von den kleinen Pflänzchen darauf setzen, ringsum mit Erde auffüllen und noch etwas festdrücken. Die fertig eingetopften Pflanzen wurden in große Kisten gestellt.
     „Ha!“, rief Lotta nach kurzer Zeit. „Ich hab schon eine Kiste voll!“
Sie war wirklich schneller als die anderen. Frau Starkstrom guckte nach, ob Lotta ihre Arbeit auch ordentlich gemacht hatte – und tatsächlich, jedes Pflänzchen saß gerade und von genug Erde umgeben mitten in seinem neuen Topf.
     „Prima, Lotta!“, sagte Frau Starkstrom. „Du machst das, als hättest du nie was anderes gemacht.“
Lotta strahlte und machte noch schneller als vorher weiter. Sie sagte:
     „Ich kann dir auch gerne mal beim Pflanzen verkaufen helfen, Frau Starkstrom. Das mache ich dann genauso schnell. Wenn einer kommt und will was kaufen, dann sag ich zu dem: Hier, nehmen Sie gleich ne ganze Kiste, und her mit dem Geld.“
Frau Starkstrom lachte und erwiderte:
     „Das kannst du ja mal probieren, Lotta.“

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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #11 - 08.01.10 um 08:43:49
 
8. Kapitel

Dann waren alle eifrig mit der Arbeit beschäftigt und es wurde nicht viel geredet. Nach ungefähr einer Stunde je- doch sagte Frau Starkstrom:
     „Ich verstehe nicht, warum Will nicht zurückkommt. Vielleicht rufe ich jetzt doch lieber mal bei der Polizei an.“
Ernestine sagte:
     „Weißt du, was ich gerade gedacht habe? Ich habe gerade an meinen Vater gedacht. Ich habe nämlich über-legt, wer sonst noch helfen könnte. Mein Vater, der könnte das bestimmt!“
     „Ja, der könnte das!“, rief Lotta. „Der ist doch ein Tier!“
     „Wie bitte? Tines Vater soll ein Tier sein?“, fragte Frau Starkstrom verwundert.
     „Ja“, erwiderte Lotta, „Mama sagt immer, Tines Papa ist ein hohes Tier, weil er doch Kultminister ist und ganz viele reiche Leute kennt.“
     „Äh, mein Vater ist gar kein hohes Tier“, sagte Ernestine und sah richtig beleidigt aus. „Er ist ein richtiger Mensch, und außerdem heißt es Kultus-minister.“
     „Aber er ist doch in der Regierung und die haben da doch alle immer solche dunklen Anzüge an und solche Hemden mit Schlipsen, die den Hals zusammenwürgen, und solche Schuhe, wo sogar die Sohlen geputzt werden. Außerdem haben die große Autos und Sekiterinnen und müssen andauernd telefonieren. Solche Leute heißen hohe Tiere, auch wenn sie richtige Menschen sind“, erklärte Lotta.
     „Papa sagt, das muss man so machen, wenn man Kultusminister ist“, sagte Ernestine. „Das ist nun mal seine Arbeitskleidung, und außerdem heißt es nicht Sekiterin, sondern Sekretärin, und Papas Sekretärin ist sehr nett.“
     „Ich finde deinen Papa ja auch sehr nett“, sagte Lotta. „Ich mag nämlich hohe Tiere.“
     „Aber deine Mama, die mag meinen Vater nicht“, sagte Ernestine, „weil sie nämlich neidisch ist.“
     „Kein bisschen ist Mama neidisch!“, rief Lotta empört. „Sie sagt nur, dass sie es ungerecht findet, dass Papa keine Arbeit  und super schlechte Laune hat und andere Leute, die haben alles. Sie sitzt ja an der Kasse im Super-markt, und wenn deine Mama einkaufen geht, da sieht sie doch, was ihr für Kohle habt. Kohle ohne Ende! Die teuerste Marmelade kauft deine Mama, sagt sie, und dann sagt sie, so was können sich nur hohe Tiere leisten, und wir müssen in unserer Scheißdreizimmerwohnung verschmachten!“
     „Verschmachten?“, fragte die Lehrerin. „Müsst ihr wirklich verschmachten? Ich meine Lotta, da übertreibt deine Mama ein bisschen. Sie verdient doch auch Geld, und dein Papa kriegt Arbeitslosengeld. Davon könnt ihr doch leben.“
     „Ja, aber schlecht, sagt Mama. Deshalb spielt Papa auch immer Lotto und bei der Kassenlotterie und neulich hat Mama sich sogar beim Fernsehen beworben, weil sie Millionär werden will. Sie hat sich auch schon ganz tolle Klamotten gekauft und spitze, rote Schuhe mit ganz hohen Hacken, damit sie gut aussieht, wenn sie ins Fernsehen kommt.“
     „Na, dann ist es doch klar, dass ihr schlecht lebt“, sagte Ernestine, „denn dann gebt ihr ja viel zu viel Geld für Lotto und Lotterie und Fernsehklamotten aus. Dann müsst ihr ja die billigste Marmelade kaufen!“
Frau Starkstrom schaute belustigt zu den beiden Mädchen hinüber und sagte:
     „Das hofft man ja immer, dass sich das lohnt mit den Ausgaben für ´s Lottospielen. Ich mache das auch öfters und dann denke ich mir, wenn ich gewinne, dann bin ich auf einen Schlag alle Sorgen los. Erst seit ich so krank bin, habe ich damit aufgehört, denn von Geld werde ich nicht gesund.“
     „Ja, aber wenn du ne Million hättest, dann hättest du keine Sorgen mehr mit deiner Gärtnerei, Frau Stark-strom“, sagte Lotta.
     „Das stimmt allerdings“, erwiderte Frau Starkstrom, „aber weißt du, wenn ich das wenige Geld, das ich habe, für Lottoscheine ausgebe, damit irgendwann mal das große Geld kommt, dann kann das auch falsch sein. Jetzt stecke ich mein Lottogeld mit in Steffens Gitarrenunter- richt und hoffe einfach, dass ich es aus eigener Kraft schaffe, meine Gärtnerei wieder in Schwung zu bringen.“
     „Das schaffst du bestimmt“, sagte Ernestine, „denn wir helfen dir ja jetzt immer.“
Lotta sah ein wenig patzig drein und sagte:
     „Mama sieht jedenfalls wahnsinnig gut aus in ihren neuen Klamotten. Papa hat schon gesagt: wie ne neue Frau! Fast wie Claudia Schiffer! – Jetzt lernt sie die Antworten auf die „Wer–wird-Millionär“-Fragen aus-wendig und wenn sie demnächst in  die Sendung kommt, dann haben wir soviel Geld, dass Papa sich ein neues Auto kaufen kann. Das muss mindestens drin sein, hat er gesagt. Oder wir gewinnen noch mehr, dann kaufen wir uns ein Bongerlo.“
     „Was kauft ihr euch dann?“, fragte Ernestine.
     „Hä, weißt du nicht, was ein Bongerlo ist?“, sagte Lotta. „Das ist ein Haus mit Rasenmäher und auto-matischer Garage.“
     „Ach so, du meinst einen Bungalow.“
     „Na, dann eben ein Bungalow, aber auf jeden Fall eins mit weißen Kacheln auf dem Fußboden, die ganz doll glänzen, und weil die weißen Kacheln so schnell schmutzig werden, kriegen wir dann auch noch eine Putzfrau, sagt Mama.“
Frau Spindelhirn–Hinrichsen räusperte sich und sagte:
     „Wir waren ganz vom Thema abgekommen vor lauter Lotta und Lotto und Lotterie. Ernestine, du hattest doch gesagt, dass dein Vater eventuell was helfen kann. Ich finde die Idee gar nicht so schlecht, den guten alten Erwin Ehrenpreis um Hilfe zu bitten. Denn er ist ja nicht nur Kultusminister, sondern auch ein alter Freund von mir.“
     „Ach ja, Papa und du, ihr habt ja zusammen studiert. Er sagt immer zu anderen Leuten: Ich bin natürlich froh, dass ich Ernestine bei meiner alten Studienkollegin Brigitte Spindelhirn in der Klasse unterbringen konnte. Da weiß ich, dass sie in guten Händen ist“, sagte Ernestine.
     „Was? Das sagt er?“, fragte die Lehrerin. „Aber stimmt ja, du hast eine Sondererlaubnis  für den Besuch an unserer Schule. Eigentlich wohnt ihr ja in einem anderen Stadtteil, der nicht zu unserem Schulbezirk gehört. Da müsstest du eigentlich auf eine andere Grundschule gehen. Da hat also dein Vater dahinter gesteckt, hinter dieser Sondererlaubnis.“
     „Klar“, sagte Lotta, „weil er ein hohes Tier ist.“
Ernestine wurde sauer:
     „Er ist kein hohes Tier. Wenn du das noch einmal sagst, dann sage ich ihm das, und dann musst du dich dafür bei ihm entschuldigen.“
     „Kinder, hört doch auf mit der Streiterei“, sagte die Lehrerin. „Wir haben doch andere Sorgen. Erstens müssen wir Steffen wieder an Land kriegen, und zweitens müssen wir eine Lösung für die Sache mit dem Jugendamt und auch für Steffens Schulprobleme finden.“
     „Soll ich Papa mal anrufen?“, fragte Ernestine.
     „Ja“, sagte Frau Starkstrom, „doch, Tine, das mach mal. Vielleicht weiß er einen Rat.“
Ernestine lief ins Haus um zu telefonieren. Nach kurzer Zeit kam sie zurück und sagte:
     „Ich habe ihn auf seinem Handy angerufen, er ist gerade auf dem Nachhauseweg. Als er hörte, was los ist, hat er gesagt, er kommt sofort hierher und dann will er sehen, was er tun kann.“

Zehn Minuten später wurde kräftig an die Gewächshaus- tür geklopft, und dann kam Erwin Ehrenpreis, der Kultusminister, herein. Herr Ehrenpreis hatte tatsächlich einen dunklen Anzug an und dazu einen sehr schicken Schlips mit roten und blauen Schrägstreifen. Man sah auf den ersten Blick, dass er der Vater von Ernestine war. Denn er hatte genauso braune Haare und Augen wie sie, und lang und dünn war er auch.
Er rief mit fröhlicher Stimmer:
     „Guten Abend allerseits! Ich sah hier im Dunkeln das Gewächshaus leuchten, und da dachte ich mir, dass ich hier richtig bin. Wie ich sehe, sind hier alle fleißig. Schön, schön!“
Er grinste breit, sodass man seine weißen Zähne sehen konnte, ging flotten Schritts auf Frau Starkstrom zu und streckte ihr die Hand hin:
     „Sie müssen Frau Starkstrom sein. Ich grüße Sie!“
Frau Starkstrom war offensichtlich gerade wieder in so eine Wurschtelstimmung mit ihren Händen geraten, denn sie rieb ihre Linke heftig an ihrer Arbeitsschürze, während sie mit der Rechten aus Versehen einen frisch bepflanzten Blumentopf umstieß. Der Blumentopf flog gegen Herrn Ehrenpreis´ Bein und der Inhalt des Blumentopfes landete auf seiner Hose und seinen Schuhen.
     „Oh nein! Oh je!“, rief Frau Starkstrom. „Das tut mit aber leid!“
Herr Ehrenpreis grinste kaum noch und fing an, sein Hosenbein abzuklopfen. Frau Starkstrom holte einen alten Handfeger und wollte damit die Hose abfegen. Dummerweise hatte sie mit dem Handfeger zuletzt Spinnweben aus den Gewächshausecken gefegt. Diese Spinnweben blieben an den Hosenbeinen von Herrn Ehrenpreis kleben, was wirklich nicht gut aussah. Nun grinste er überhaupt nicht mehr, sondern er wich erschrocken zurück und sagte:
     „Danke, danke, Frau Starkstrom, ich krieg das schon alleine hin.“
Dann fing er an, wie wild auf seinen Hosenbeinen herum- zurubbeln. Lotta rief:
     „Du musst ordentlich hopsen, Herr Ehrenpreis. Dann fällt das von alleine runter und deine Hände werden nicht so schmutzig.“
     „Quatsch!“, fuhr Ernestine sie an, denn sie merkte, dass ihr Vater überhaupt nicht mehr zu Scherzen aufgelegt war. „Spinnweben kleben doch. Die muss man abzupfen.“
     „Mist!“, knurrte Herr Ehrenpreis, „da sind ja lauter feuchte Stellen von der Erde auf meiner Hose, und meine Schuhe sind auch ganz versaut. Das kommt mir ganz ungelegen, denn ich habe gleich einen wichtigen Termin. Ich muss einen Vortrag beim Philologenverband halten. So kann ich da nicht hingehen!“
     „Aber Herr Ehrenpreis“, sagte Lotta, „du kannst den vielen Logen doch sagen, dass du Frau Starkstrom beim Pflanzen eintopfen geholfen hast. Ich meine, weil sie in Not ist, weil sie krank ist, und weil Steffen abgehauen ist, weil er es in der Schule nicht mehr ausgehalten hat.“
     „Mensch Lotta, sei ruhig“, sagte Ernestine. „Das kann er denen nicht sagen. Denn erstens heißt es nicht viele Logen, sondern Philologen. Und zweitens sind das alles Lehrer, die hören das nicht so gern, dass Kinder aus der Schule abhauen.“

Frau Starkstrom stand erschrocken da und sagte wieder:
     „Oh nein! Oh je! Das tut mir so leid.“
Frau Spindelhirn-Hinrichsen hingegen hatte die ganze Zeit weitergearbeitet, denn sie wollte mit ihrer Pflanzen-palette fertig werden.
     „So, das hätten wir“, sagte sie mit völlig ungerührter Stimme und stellte die 150. umgetopfte Lavendelpflanze in eine Kiste. Dann guckte sie Herrn Ehrenpreis durch ihre Brille freundlich an:
     „Erwin, guten Abend! Bitte reg dich doch nicht über deine Hose auf. Weißt du noch, als wir Studenten waren, da bist du in den ältesten Jeans ins Theater gegangen, und dein T-Shirt hast du nur alle drei Tage gewechselt – um Wäsche zu sparen, hast du gesagt. Weißt du noch?“
Herr Ehrenpreis runzelte die Stirn:
     „N´abend, Brigitte. Klar weiß ich das noch. Aber damals war ich auch noch nicht Politiker, da konnte ich mir so was erlauben.“
     „Jetzt ist er ein hohes Tier“, sagte Lotta. „Jetzt muss er fein aussehen. Er muss einen guten Eindruck machen, denn sonst wählen ihn die vielen Logen und all die andern Leute bei der nächsten Wahl nicht mehr. Hat Papa mir erklärt.“
Ernestines Augen funkelten vor Wut über Lotta, aber bevor sie den Mund aufmachen konnte, sagte die Lehrerin:
     „Weißt du, Erwin, am besten ist es, wenn wir jetzt ins Haus gehen. Dann kannst du die Hose ausziehen, und wir machen die richtig sauber und bügeln sie anschließend noch ein bisschen. Deine Schuhe putzen wir auch noch, dann ist in kürzester Zeit alles wieder in Ordnung. Nicht wahr, Frau Starkstrom, das geht doch?“
     „Ja, natürlich geht das“, sagte Frau Starkstrom erleichtert. „Wir bringen das alles wieder in beste Ordnung, Herr Ehrenpreis.“

Im Haus wurde Herr Ehrenpreis ins Wohnzimmer geführt. Frau Starkstrom holte eine Decke für ihn.
     „Bitteschön, Herr Ehrenpreis, die können Sie um  Ihre nackten Beine wickeln, während wir Ihre Hose sauber machen.“
Dann brachte sie ihm noch ein paar Hausschuhe.
     „Die sind von Frido, meinem großen Sohn. Er zieht die immer an, wenn er mal zu Besuch kommt.“
Sie ging wieder raus, damit er sich umziehen konnte.
Kurze Zeit später saß Herr Ehrenpreis in die Decke gewickelt und mit Filzpantoffeln an den Füßen in Frau Starkstroms Korbsessel.
Frau Starkstrom klopfte an die Tür:
     „Kann ich reinkommen?“
     „Ja, ja!“, rief Herr Ehrenpreis. „Ich sitze hier wie ein Großvater und hab ´s sehr gemütlich.“
Sie kam rein, Lotta und Ernestine hinterher, denn sie wollten gucken, wie er als Großvater verkleidet aussah. Lotta musste kichern und Ernestine auch. Sie sagte:
     „Papa, es sieht echt gemütlich aus.“
     „Ja, Tinchen, so sitze ich dann später, wenn du groß bist und selber Kinder hast, in deinem Wohnzimmer und erzähle deinen Kindern Geschichten von früher.“
Ernestine ging zum Korbsessel und nahm seinen Kopf in die Arme.
     „Genau, Papa, das machst du dann“, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf ´s Ohr. Dann flüsterte sie:
     „Ist doch alles gar nicht so schlimm, oder?“
Herr Ehrenpreis flüsterte zurück:
     „Ist alles okay, Tinchen.“
Die Lehrerin betrat den Raum und rief belustigt:
     „Gut siehst du aus, Erwin! Fast so gut wie damals während unserer Studentenzeit, als wir nachts diese Paddeltour gemacht haben. Weißt du noch? Da bist du doch ins Wasser gefallen, weil du ein bisschen viel von diesem Rotwein mit Kohlensäure getrunken hattest. Da haben wir dich aus dem Wasser gezogen und auch in eine Decke gewickelt. Hahaha, das war echt lustig.“
     „Siehste“, sagte Ernestine und schubste Lotta mit dem Ellenbogen, „er ist ein richtiger Mensch, er macht Paddel-touren und fällt ins Wasser.“
     „Warum sollte ich denn kein richtiger Mensch sein, Lotta?“, fragte Herr Ehrenpreis.
Bevor Lotta Gelegenheit hatte, abermals ihre Ansichten über hohe Tiere und die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu verbreiten, nahm Frau Starkstrom die Hose und die Schuhe und sagte:
     „Ich bringe die Sachen jetzt in Ordnung.“
Zu der Lehrerin gewand fuhr sie fort:
     „Vielleicht können Sie Herrn Ehrenpreis in der Zwischenzeit erklären, was mit Steffen los ist.“
Sie ging aus dem Zimmer. Die Lehrerin setzte sich mit Lotta und Ernestine auf ´s Sofa und Miau, die schon wieder auf dem Fensterbrett geschlafen hatte, sprang auf den Schoß von Herrn Ehrenpreis und kuschelte sich an sein Jackett. Er zuckte ein wenig zurück. Aber die Lehrerin sagte:
     „Erwin, die Katzenhaare bürsten wir nachher schnell ab, das ist nun wirklich kein Problem.“
Da entspannte er sich, fing an, Miau zu kraulen und fragte sie:
     „Wie heißt du denn, Kätzchen?“
Miau sagte:
     „Miau.“
Herr Ehrenpreis sagte:
     „Aha.“

Nun erzählte die Lehrerin die ganze Geschichte von Steffen, von seiner kranken Mutter, von seinem Vater, vom Jugendamt, vom Diktat, vom Schulhof und von Eddie. Herr Ehrenpreis hörte aufmerksam zu und sagte zwischendurch nichts außer „Hm“, „Ach so“, „Ah ja“ und „Jetzt verstehe ich das“. Als die Lehrerin fertig war, sagte er:
     „So, so, und dieser Will Washington, der ist also auch nicht wieder aufgekreuzt. Hm, das ist ja sehr seltsam. Ich kann eigentlich letztlich nur raten, so schnell wie möglich die Polizei anzurufen.“
Er sah ziemlich ratlos aus. Lotta rief empört:
     „Was anderes fällt dir nicht ein? Überleg doch mal, dann kann es doch Riesenärger mit der Frau vom Jugendamt geben, und dann kommt Steffen vielleicht weg. Steffen ist mein Freund! Der soll nicht weg. Außer-dem ist Frau Starkstrom ganz doll krank, die wird doch nicht wieder gesund, wenn Steffen wegkommt!“
Sie guckte ihn zornig an. Herr Ehrenpreis setzte an:
     „Lotta, bitte, du musst dich nicht so aufregen. Ich überlege doch  nur, was am besten ist …“
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
Sie hörten, wie Frau Starkstrom jemanden begrüßte. Dann ging die Wohnzimmertür auf, und nun ratet, wer da herein spaziert kam!
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Antwort #12 - 08.01.10 um 08:58:01
 
9. Kapitel

Herein spaziert kamen Herr Washington mit Baby Josi auf dem Arm, Frau Washington mit Timmy und Maurice an der Hand und zum Schluss Frau Starkstrom.
     „Oh!“, sagte Lotta.
     „Ach!“, sagte Ernestine.
     „Äh, hm“, sagte Herr Ehrenpreis.
Und Frau Spindelhirn-Hinrichsen sagte:
     „Sie sind doch bestimmt die Familie von Will.“
     „Ja“, sagte Aimee, „wenn ich vorstellen darf: Mein Mann, Ben Washington, Schriftsteller und Journalist, Timmy, Maurice und Baby Josi, unsere drei kleinen Jungen, die ihren großen Bruder vermissen. Ich bin Aimee Washington, seine Mutter, und ich vermisse ihn auch.“
Alle schüttelten sich gegenseitig höflich die Hände. Dann sagte Frau Starkstrom:
     „Bitte setzten Sie sich. Vielleicht können die Kinder sich in die Ecke mit den Sitzkissen setzen. Dann können Herr und Frau Washington auf dem Sofa Platz nehmen und ich hole mir noch einen Stuhl aus der Küche.“
Die kleinen Washingtonbrüder wollten aber nicht in der Ecke mit den Sitzkissen sitzen, sie wollten lieber bei ihren Eltern auf dem Schoß sitzen. So wurde es ziemlich voll auf dem Sofa. Denn nun wollte Miau natürlich auch mit auf ´s Sofa und ein wenig an Baby Josi schnuppern.
Baby Josi war allerdings kein Katzenkenner, er griff sich Miaus Schwanz und zog kräftig daran. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn das mochte Miau gar nicht. Sie riss sich los und kratzte Baby Josi am Arm. Das hätte nun sie wiederum bleiben lassen sollen, denn zum Dank brüllte Baby Josi erst mal einige Minuten lang so laut-stark, dass keinerlei Gespräch mehr möglich war.
Schließlich holte Ben eine kleine Nuckelflasche aus seiner Jackentasche und hielt sie dem Schreihals unter die Nase. Baby Josi schnappte zu und schlagartig wurde es ruhig. Ben sagte:
     „Die Notfallpulle. Da ist Kindertee drin. Die hilft immer!“
Ja, die Notfallpulle half. Baby Josi schluckte und gluckste nur noch leise.

Ein Stimmchen piepste:
     „Wir ham ein Bief von Will dekiegt.“
Das war Maurice, der Dreijährige.
     „Und ihr habt auch einen Brief von Will gekriegt“, sagte ein weiteres Stimmchen. Das war Timmy, sein fünfjähriger Bruder.
     „Ja“, sagte Ben, „bei uns zuhause lag ein Turnschuh vor unserer Zimmertür. Eigentlich wollte ich nur zur Toilette gehen, aber dann bin ich über diesen Turnschuh gestolpert, und da drunter lag ein Brief von Will.“
Er hielt einen knitterigen Zettel hoch und las vor:
     „Liebe Mama, lieber Papa, Steffen und ich sind in Sicherheit. Wir kommen erst nach Hause, wenn das Jugendamt und die Polizei weg sind. Steffens Mama braucht Hilfe! Euer lieber Sohn Will. P.S.: Steffen ist in Not und ich kann ihn nicht allein lassen.“
Dann zog er einen zweiten Zettel hervor, der genauso knitterig wie der erste aussah, und sagte:
     „Diesen Brief haben wir eben unter dem Fußabtreter vor Ihrer Haustür gefunden, Frau Starkstrom. Der ist auch von Will, der ist für Sie.“
Hastig griff Frau Starkstrom nach dem Zettel und las den Brief ebenfalls vor:
     „Liebe Frau Starkstrom, Steffen ist in Sicherheit. Ich bleibe bei ihm und passe auf ihn auf bis die Luft rein ist. Sag der Polizei und dem Jugendamt, dass er bei dir bleiben will. Sonst kommt er nicht nach Hause. Du musst keine Angst kriegen. Es geht ihm gut. Viele liebe Grüße und gute Besserung von Steffen und Will.“
Sie guckte entgeistert in die Runde und fragte:
     „Was soll das nun heißen?“
     „Das steht da doch: Sie sind in Sicherheit. Das soll einfach nur heißen, dass alles in Ordnung ist“, sagte Lotta mit fröhlicher Stimme.
     „Stimmt“, sagte Ernestine. „Will hat Steffen gefunden und an einem sicheren Ort untergebracht. Papa, wir müssen doch nicht die Polizei anrufen.“
Herr Ehrenpreis sah Wills Eltern fragend an:
     „Darf ich fragen, wie alt Ihr Sohn Will ist?“
     „Der ist acht Jahre alt“, sagte Aimee, „fast acht ein halb sogar.“
Herr Ehrenpreis fragte weiter:
     „Nennt man das In-Sicherheit-sein, wenn ein Acht-jähriger einen weggelaufenen Siebenjährigen findet und sich zusammen mit dem irgendwo versteckt?“
Frau Starkstrom fügte hinzu:
     „Das frage ich mich ehrlich gesagt auch.“
Die Lehrerin meinte:
     „Hm, Kinder sollen ja frühzeitig selbständig werden; aber ob das mit der Selbständigkeit so weit gehen sollte, dass sie allein irgendwo übernachten und niemand weiß wo – ob das nicht doch ein bisschen zu weit geht?“
     „Nun“, sagte Aimee, „ich kenne meinen Will. Er ist ein sehr vernünftiger Junge, der immer gut überlegt, was er tut; und er ist für sein Alter ungewöhnlich selbständig. Ganz von alleine ist er das. Da brauchten wir gar nicht groß an ihm herumerziehen.“
     „Er hat sogar schon einen Job“, fügte Ben hinzu. „Er hilft bei einem Bootsverleih aus. Aber bitte erklären Sie uns doch erst einmal, was überhaupt mit Steffen passiert ist. Gestern saß er nämlich noch recht zufrieden bei uns am Abendbrottisch.“

Nun wurde Herr Ehrenpreis ein wenig nervös. Es wurde ihm wohl etwas zuviel mit der ganzen Erzählerei, denn er musste ja zu seinem Vortrag und hatte weder seine Hose noch seine Schuhe.
     „Äh, meine Hose, ob ich die wohl wieder kriegen könnte?“
Frau Starkstrom griff sich erschrocken an den Kopf:
     „Ihre Hose! Oh nein, Herr Ehrenpreis, die hab ich ja ganz vergessen. Ich bin gleich wieder da.“
Und zu Frau Spindelhirn-Hinrichsen gewandt sagte sie:
     „Vielleicht könnten Sie den Washingtons noch mal alles erklären, während ich die Hose bügele.“
     „Ja, das mache ich“, sagte die Lehrerin.
Lotta fand auch, dass sie sich das nicht noch mal alles anhören müsste. Sie stieß Ernestine an, mit der sie zusammen in der Sitzkissenecke saß, und flüsterte:
     „Tine, ich hab ne supytolle Idee. Kommst du mit nach draußen? Das kann ich dir hier drinnen nämlich nicht erzählen.“
Sofort kam Leben in Ernestine, denn wenn Lotta eine supytolle Idee hatte, dann wurde es immer spannend oder lustig oder peinlich oder gefährlich. Beide standen auf und Lotta sagte:
     „Wir gehen mal kurz nach den Kaninchen gucken. Die Armen, die haben nämlich heute noch gar nichts zu fressen bekommen.“
Herr Ehrenpreis guckte auf seine Armbanduhr und sagte:
     „Ernestine, ich muss gleich los, du weißt ja, mein Vortrag. Deine Mutter hat vorhin zu mir am Telefon gesagt, dass ich dich vorher zuhause abliefern soll.“
Er schaute zu Lotta:
     „Und du, kleine Frechmadam (so nannte er Lotta oft), du musst doch um diese Zeit ebenfalls nach Hause, nicht wahr?“
Lotta war ja oft bei Ernestine zum Spielen und deshalb wusste Herr Ehrenpreis, dass Lottas Mutter Wert auf eine gewisse Pünktlichkeit legte. Er wollte keinen Ärger mit Nastassja Lupe, so hieß Lottas Mutter, denn Frau Lupe war genau wie ihre Tochter eine Frechmadam, nur eben eine große.
Lotta winkte großzügig ab:
     „Heute kann ich ruhig mal später kommen, weil ja ein Notfall ist.“
     „Lotta!“, sagte Herr Ehrenpreis streng.
     „Ja, was?“
     „Denk an deine Mutter! Ich bringe dich jetzt ebenfalls nach Hause, und damit basta!“
Lotta wusste, es hatte keinen Zweck, noch was zu sagen. Denn immer wenn Herr Ehrenpreis „Und damit basta!“ sagte, dann kam man nicht mehr gegen ihn an. Also sagte sie nur:
     „Okay, okay – wir gehen nur noch schnell zu den Kaninchen. Du musst ja sowieso erst deine Hose zurückkriegen, so lange haben wir noch Zeit.“
Lotta und Ernestine liefen aus dem Zimmer und die Lehrerin konnte endlich damit anfangen, Familie Washington alles zu erzählen, während der Kultus-minister nervös mit seinen Fingern auf der Armlehne des Korbsessels herumtrommelte.

Draußen beim Kaninchenstall war es ganz dunkel. Die Kaninchen schliefen schon. Sie mussten auch gar nicht gefüttert werden. Das hatte Lotta nur gesagt, um eine elegante Ausrede zum Rausgehen zu haben.
     „Kleine Notlüge“, sagte sie zu Ernestine. „Wenn eine ernste Gefahr droht, dann darf man auch mal lügen.“
     „Also, nee“, sagte Ernestine, „lügen darf man nie. Lügen ist was ganz Schlechtes.“
     „Schon gut, schon gut, ich mach ´s nicht wieder“, sagte Lotta, denn sie hatte keine Lust, von Ernestine einen Vortrag über Lügen zu hören. Ernestine konnte schon fast so gut Vorträge halten wie ihr Vater. Aber das hieß ja nicht, dass man sich das immer anhören musste, fand Lotta.
     „Pass auf, Tine“, fuhr sie fort, „wir müssen Will und Steffen unbedingt suchen. Überleg mal, die wissen doch gar nicht, wie die Lage hier ist. Außerdem haben die bestimmt nichts zu essen und leiden an Hunger und Durst. Wir müssen denen Proviant bringen.“
     „Wie, was meinst du?“, Ernestine war ein wenig überrumpelt. „Wir müssen doch gleich mit Papa mit-fahren. Was glaubst du, was der für ´n Theater macht, wenn er gleich los will und wir sind nicht da.“
     „So meine ich das doch gar nicht, Tine. Morgen früh meine ich. Wir tun morgen früh so, als ob wir ganz normal zur Schule gehen, aber in echt machen wir das gar nicht, sondern wir treffen uns am Bootsanleger. Da hat Will vorhin doch auch hingewollt.“
     „Wie, du willst die Schule schwänzen?“
     „Tine, es ist ein Notfall! Was wir machen, ist ne reine Notmaßnahme. Frau Spindelhirn versteht das. Die wird nicht sauer.“
     „Ja, aber das ist verboten!“
     „Mensch, Tine, wir könnten doch auch krank sein. Dann bräuchten wir auch nicht zur Schule.“
     „Aber wir sind nicht krank!“
     „Noch nicht!“
     „Hä, was meinst du mit noch nicht?“
     „Ganz einfach, du hast nämlich ganz Recht, wir schwänzen nicht, sondern wir tun morgen früh so, als ob wir krank wären.“
     „Ja, und dann? Dann müssen wir doch im Bett liegen.“
     „Nee, wir müssen gar nicht im Bett liegen. Deine Eltern fahren doch zur Arbeit, und meine Mutter auch. Erst bringt sie Katja in den Kindergarten, und dann ist sie bis nachmittags weg. Und Papa, der pennt immer ganz lange. Der merkt gar nichts, wenn ich abhaue. Wir müssen nur mittags wieder da sein und krank spielen, damit die das alle nicht mitkriegen.“
     „Nee, das geht bei mir nicht; denn wenn ich krank bin, dann kommt immer Oma und guckt nach mir. Die sitzt dann oft den ganzen Vormittag an meinem Bett und liest mir Märchen vor. Davon wird man gesund, sagt sie. Ich schlafe davon allerdings immer nur ein.“
     „Wenn das bei dir nicht geht, dann wird eben geschwänzt, und wenn du nicht mitmachst, dann suche ich Steffen und Will alleine.“
Lotta wollte auf keinen Fall ihre Idee aufgeben, das merkte Ernestine. Eigentlich wollte sie selber ja auch sehr gerne nach Steffen und Will suchen. Außerdem konnte sie Lotta schlecht alleine losziehen lassen. Als echte Freundin musste sie schon mitkommen.
     „Na gut, vielleicht hast du wirklich Recht. Die brauchen ja unsere Hilfe.“
     „Na klar, ganz dringend brauchen sie die.“
Dann flüsterten und tuschelten die beiden noch ein Weilchen und planten ihr Vorhaben, solange bis Herr Ehrenpreis aus dem blauen Haus trat und „Ernestine, Lotta, ich fahre jetzt!“ rief. Kurz darauf saßen die beiden auf den Rücksitzen des schönen, silbernen Mercedes, von dem Will geglaubt hatte, er gehörte dem Polizei-präsidenten.

Drinnen in Frau Starkstroms Wohnzimmer wurde lebhaft geredet – und noch immer hatte niemand die Polizei angerufen, denn Herr Ehrenpreis war mit seinem Vorschlag nicht durchgekommen, weil er zu seinem Vortrag musste. Frau Starkstrom hatte die Hose und die  Schuhe übrigens bestens sauber gekriegt. Sie hatte Herrn Ehrenpreis zur Haustür gebracht. Er hatte ihr noch versprochen, dass er gleich am nächsten Morgen von seinem Büro aus bei ihr anrufen wollte um weiter-zuhelfen. Sie hatte sich bedankt und gesagt, dass es sehr nett von ihm wäre mitzuhelfen.
Nun saß sie auf dem Telefonbänkchen im Flur und fühlte sich ganz matt und matschig. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Stimmen ihrer Gäste. Eigentlich, so über-legte sie, müsste ich da jetzt reingehen und allen etwas zu trinken anbieten.
Aber ihr schwirrte der Kopf von dem vielen Gerede. Sie dachte an Steffen. Wo er nur steckte? Und dieser Will? Ob der wirklich so vernünftig war, wie seine Eltern sagten?
Sie hatte ihn ja nur ganz kurz gesehen am Nachmittag und nun dachte sie darüber nach, was für einen Eindruck er auf sie gemacht hatte. Wenn sie ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass sie ihn gar nicht beachtet hatte, weil sie wegen Steffen so aufgeregt gewesen war. Ihr fiel nur ein, dass er ein hübscher, kleiner Junge war, wie überhaupt diese ganze schokoladenbraune Familie einen sehr angenehmen äußeren Eindruck machte.
Alle hatten seidig schimmernde Haut und schöne, leuchtende Augen. Sie verstand auch, warum Aimee die schönste Frau von Deutschland war, denn sie hatte ein bezauberndes Lächeln und es strömte so etwas Beruhigendes und Liebevolles von ihr aus – das fühlte sich tatsächlich an wie Schönheit.
In diesem Moment ging die Tür vom Wohnzimmer auf und Aimee kam heraus, fast so, als hätte sie gemerkt, dass Frau Starkstrom gerade an sie dachte.
     „Ach, hier sitzen Sie“, sagte Aimee. „Geht es Ihnen nicht so gut?“
     „Ich bin ziemlich erledigt“, sagte Frau Starkstrom. „Es war einfach zu viel heute.“
     „Kann ich Ihnen nicht irgendwie helfen?“, fragte Aimee. „Vielleicht möchten Sie sich hinlegen, und ich kümmere mich um alles.“
Frau Starkstrom spürte, dass es nötig war sich hinzu- legen. Sie hatte sogar das Gefühl, dass sie jeden Moment umkippen würde, wenn sie nicht ganz schnell in ihr Bett kommen würde.
     „Ja“, sagte sie, „es hilft nichts, ich muss mich tatsächlich hinlegen.“
     „Tun Sie das doch. Ich bringe Ihnen alles, was Sie brauchen“, sagte Aimee.
Wenig später lag Frau Starkstrom in ihrem Bett. Sie hatte ganz vergessen, ihre Medizin zu nehmen. Das holte sie jetzt nach. Aimee brachte ihr einen Tee, einen Apfel und ein Butterbrot. Die kleine Nachttischlampe war wieder eingeschaltet und Aimee setzte sich zu Frau Starkstrom auf die Bettkante. Sie sagte:
     „Wissen Sie, Frau Starkstrom, eigentlich müsste ich mir große Sorgen um Will machen. Aber ich weiß einfach, was für ein Junge er ist. Er ist wirklich sehr vernünftig  und man kann sich immer hundertprozentig auf ihn verlassen. Mein Gefühl sagt mir, dass es den beiden gut geht und dass sie nicht in Gefahr sind.“
     „Ja, ich merke auch, dass ich irgendwo im Innern keine Angst habe. Nur die Gedanken, was alles passieren könnte, die werde ich nicht los“, sagte Frau Starkstrom. Aimee erwiderte:
     „In Wills Briefen steht, dass sie in Sicherheit sind, und wenn Will sagt: ,Wir sind in Sicherheit’, dann weiß er, was er sagt.“
Frau Starkstrom trank einen Schluck Tee und biss ein Stück von ihrem Apfel ab. Sie sagte:
     „Ich bin plötzlich sehr, sehr müde. Vielleicht sollten wir sagen, es ist gut so. Wir überschlafen erst mal die ganze Geschichte und morgen sehen wir weiter.“
     „Ja, der Ansicht bin ich auch“, sagte Aimee. „Dann gehen wir jetzt nach Hause und morgen früh kommen wir wieder hierher. Vielleicht sind unsere beiden Jungen dann auch schon wieder zurück. – Und Sie schlafen jetzt erst mal.“
     „Ja“, sagte Frau Starkstrom, „so ist es am besten.“
Aimee sah, wie Frau Starkstrom die Augen zufielen. Sie knipste die Lampe aus und ging mit einem leisen „Gute Nacht“ aus dem Zimmer.

Als sie das Wohnzimmer betrat, saßen da noch immer die Lehrerin, Ben und ihre drei Kleinen.
Ben und Frau Spindelhirn-Hinrichsen waren inzwischen beim Thema Schule angekommen. Das hörte Aimee sofort. Das war Bens Lieblingsthema. Wenn er über dieses Thema sprach, dann fuchtelte er immer mit den Armen und regte sich darüber auf, warum die Menschen nur so dumm waren, dass sie die Schulen für ihre Kinder falsch einrichteten. Ja, da saß er und fuchtelte:
     „Der Mensch ist doch nicht auf der Welt, um sich zu quälen! Es kann doch nicht angehen, dass es in der Schule nur mit Zwang und Druck und Angst geht, den Kindern alles beizubringen.“
Die Lehrerin sagte:
     „Es geht ja oft ohne Druck und Zwang, zumindest in den ersten Schuljahren.“
     „Ja, aber dafür wird ´s später umso schlimmer! Die Menschen sind doch verschieden! Die einen lernen langsamer, die anderen schneller, die einen können gut still sitzen und lesen und merken sich alles, was sie gelesen haben. Die anderen können sich das nur merken, wenn sie selber bestimmen dürfen, wann sie das lernen. Viele kapieren etwas nur, wenn sie merken, dass sie das Gelernte auch wirklich im Leben brauchen.“
     „Ja“, sagte die Lehrerin, „das stimmt. Es müsste Schulen geben, an denen auf die Schwächeren Rücksicht genommen wird.“
Nun fuchtelte Ben nicht nur mit den Armen, sondern er sprang vom Sofa auf und wurde richtig wütend:
     „Die Schwächeren! Ich höre immer: die Schwächeren! – Diese Schwächeren sind oft gar nicht schwächer als die anderen, sondern sie werden nur in das falsche System gezwängt! Wenn ich höre, dass zum Beispiel an manchen Schultagen an allen Schulen im Lande zur gleichen Stunde genau die gleiche Arbeit geschrieben wird, also, da krieg ich wirklich das Kotzen! Alle sollen genau zur gleichen Zeit das gleiche Wissen ausspucken! Alle Lehrer müssen zur gleichen Zeit das Gleiche unterrichten. Demnächst sollen wir wohl alle zur gleichen Zeit das Gleiche essen! – Wo bleibt denn da das Menschliche?“
     „Benni!“, rief Aimee, „reg dich ab. Das bringt doch nichts, wenn du hier so rumtobst.“
     „Wie, das bringt nichts?“, rief Ben empört. „Das bringt ne ganze Menge. Das muss man ganz vielen Leuten sagen, damit sie endlich aufwachen!“
Die Lehrerin sagte:
     „Also, ich verstehe das gut, dass Sie das so aufregt, Herr Washington. Und ich kann Ihnen versichern, dass Sie da nicht der Einzige sind. Ich rede auch oft mit meinen Kollegen über das Thema. Aber wissen Sie, man kann letztlich nichts dagegen tun.“
     „Na, gerade Sie könnten doch etwas tun!“, rief Ben. „Sie sind doch Lehrerin, Sie könnten doch Nein sagen.“
     „Es hilft nicht viel, wenn ich dazu Nein sage. Ein Einzelner hilft nicht, nur wenn die vielen sich zur rechten Zeit vereinen. Das hat schon der Geheimrat Goethe ge-wusst.“
     „Wer ist das, der Geheimrat Goethe?“, fragte Timmy.
     „Ein berühmter Dichter, der vor langer Zeit gelebt hat“, sagt sein Vater.
     „Und was ist ein Dichter?“, fragte Timmy weiter.
     „Na, das ist ein Schriftsteller, so wie dein Papa“, sagte Aimee.
     „War der auch so klug wie Papa?“, fragte Timmy.
     „Ja, der war genauso klug“, sagte Aimee und zwinkerte Ben zu. „Oder sagen wir lieber: fast genauso klug.“
Ben sagte:
     „Aimee, du übertreibst.“
Dann wandte er sich wieder zur Lehrerin und sagte:
     „Das stimmt – und das stimmt nicht. Ein Einzelner allein kann nicht alles verändern, aber ein Einzelner kann damit anfangen, etwas zu verändern. Er kann einen Weg suchen und den anderen Menschen zeigen, wie es besser werden könnte. Wenn die anderen den neuen Weg gut finden, dann können viele gemeinsam tatsächlich etwas verändern.“
     „Da haben Sie Recht, Herr Washington“, sagte Frau Spindelhirn-Hinrichsen. „Nur – ehrlich gesagt – sehe ich keinen neuen Weg. Ich sage mir immer, am besten ist es, wenn ich meinen Unterricht so gut wie nur möglich mache und den Kindern in meiner Klasse soviel Gutes wie möglich mit auf den Weg gebe. Auch kenne ich ganz viele Lehrer, die das genauso machen.“
     „Aber Sie werden zugeben, dass das letztlich nicht viel nützt, nicht wahr? Denn sonst hätten wir nicht das Problem mit zwei verschwundenen kleinen Jungen“, sagte Ben und wollte gerade wieder anfangen mit seinen Armen herumzufuchteln.    
     „Ben“, sagte Aimee, „genau umgekehrt ist es doch. Wenn die Lehrer sich nicht so viel Mühe geben würden, dann wäre es noch viel schlimmer. Siehst du das denn nicht?“
     „Klar sehe ich das“, sagte Ben, „aber das führt dazu, dass die Leute nicht richtig merken, was in Wahrheit faul ist an den Schulen.“
     „Wie, Sie meinen, wir Lehrer sollten damit aufhören, uns um guten Unterricht zu bemühen und uns nicht mehr richtig um die Kinder kümmern und keinen Hand-schlag zu viel tun, nur damit die Leute merken, dass die Schule falsch organisiert ist?“
     „Ja, das wäre das Beste“, sagte Ben, „aber das ist natürlich unmöglich. Dafür müsstet ihr Lehrer ja nicht Menschen, sondern Maschinen sein, Computer sozu-sagen, die man einfach ein- und ausschalten kann. Gott sei Dank kann man das mit Lehrern nicht machen.“
     „Sehen Sie“, sagte die Lehrerin, „und genau deshalb mache ich das auch nicht. Ich liebe meine Schüler, und deshalb macht es mir sogar große Freude, ganz viel für sie zu tun, egal ob das ganze Drumherum schlecht ist oder nicht.“
     „Und genau deshalb ändert sich auch nichts“, sagte Ben und sah fast ein wenig verbittert aus.
     „Ben“, sagte Aimee, „wenn man was verändern will und das soll gut werden, dann braucht das Zeit. Du hast immer keine Zeit. Du weißt doch gar nicht, ob nicht gerade jetzt, in diesem Moment, an ganz vielen Orten Leute genau wie wir zusammensitzen und auch darüber reden, dass es anders werden muss.“
     „Ja“, sagte die Lehrerin. „Das kann gut sein, und dann sind es am Ende eben doch die vielen, die die Sache zum Guten wenden.“
     „Na gut, na gut“, sagte Ben, „gegen zwei so kluge Frauen komme ich nicht an. Reden wir wann anders darüber weiter.“
     „Das können wir sehr gut tun, Herr Washington“, sagte die Lehrerin. „Wer weiß, ob wir nicht gemeinsam auf ganz neue Ideen kommen.“
     „Ich habe auch gerade eine ganz neue Idee“, sagte Aimee. „Ich habe nämlich die Idee, dass wir jetzt alle nach Hause gehen. Frau Starkstrom war eben so müde, die liegt schon im Bett und schläft und unsere Kleinen müssen auch ins  Bett.“
     „Das heißt, wir unternehmen heute nichts mehr wegen  Steffen und Will?“, fragte die Lehrerin.
     „So habe ich es mit Frau Starkstrom verabredet“, sagte Aimee, „wir vertrauen darauf, dass Will es richtig gemacht hat und morgen sehen wir weiter.“
Damit waren alle einverstanden und standen auf.
Ben nahm Baby Josi vorsichtig auf den Arm, denn der lag schlafend in der Sofaecke. Alle gingen zur Haustür. Aimee schloss die Hintertür von innen ab und machte überall die Lichter aus. Die anderen waren alle schon nach draußen vor die Haustür gegangen, nur Miau saß auf der Telefonbank und schaute Aimee im Dunkeln aus ihren unergründlichen Augen an.
„Gute Nacht, Miau, morgen kommen wir wieder“, sagte Aimee und strich der Katze zum Abschied leicht über das Fell. Miau sagte:
     „Miau.“
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #13 - 08.01.10 um 09:01:36
 

10. Kapitel

Am nächsten Morgen wachte Lotta ganz früh auf und wusste sofort: Dieser Tag wird ein besonderer Tag.
Draußen war es noch dunkel und vom Bett ihrer kleinen Schwester Katja hörte sie ruhige Atemzüge. Lotta krab-belte aus ihrem Bett und tastete sich im Dunkeln zu ihrem Ranzen, der neben ihrem kleinen Schreibtisch auf dem Boden stand. Der Ranzen war hübsch säuberlich für den Schultag gepackt, nur ihr Schulbrot und ihre Trink-flasche fehlten noch. Leise, leise öffnete sie die Ranzen-verschlüsse, nahm alle Bücher, Hefte und Mappen heraus und brachte sie zu ihrem Bett. Dort schob sie alles unter ihre Bettdecke fast bis an die Wand heran.
Dann schlich sie durch die offen stehende Kinderzimmer-tür in den Flur und von da aus in die Küche. Von der Küche ging eine Speisekammer ab, deren Tür immer abgeschlossen war, damit Lotta und Katja nicht Kekse und ähnliche Leckereien stibitzen konnten. Das hatte Lottas Mutter wirklich schlau eingefädelt, das mit dem Abschließen der Speisekammertür, aber nicht schlau genug, denn Lotta hatte einmal unbemerkt in der Küchentür gestanden, als ihre Mutter den Schlüssel gerade oben im Küchenschrank hinter einem Stapel Servietten verschwinden ließ.
Jetzt brauchte sie nur auf einen Stuhl klettern und von da aus auf die Arbeitsplatte. Schwupps, die Schranktür geöffnet und mit einem geschickten Handgriff hielt Lotta den Schlüssel in der Hand.
Sie schloss die Tür zur Speisekammer auf und knipste das Licht an. Dann nahm sie eine Salami, eine Tafel Schokolade, vier Müsliriegel und eine Tüte H-Milch und stellte alles auf dem Küchentisch ab.
Anschließend macht sie das Licht wieder aus, schloss die Tür zur Speisekammer ab und legte den Schlüssel in sein Versteck. Lautlos, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder aus der Küche und trug die Esssachen ins Kinder-zimmer. Dort verstaute sie alles im Ranzen.
Als nächstes öffnete sie ganz langsam und vorsichtig den großen Kleiderschrank, der eine schrecklich quietschende Tür hatte. So vorsichtig und langsam sie auch war, die Tür quietschte trotzdem in den höchsten Tönen, nur länger als sonst. Lotta hielt den Atem an und lauschte, ob irgendjemand in der Wohnung wach geworden war. – Alles war still. Katja wälzte sich in ihrem Bett auf die andere Seite, schnaufte einmal kurz und atmete ruhig weiter. Glück gehabt!
Lotta holte einen warmen Pullover und eine Trainings-hose aus dem Schrank, dazu ein paar dicke Socken und eine Mütze. Auch diese Sachen tat sie in den Ranzen. Sie musste alles ein bisschen stopfen, damit der Ranzen noch zuging. Dann schlüpfte sie wieder in ihr Bett.
Es war etwas unbequem, zusammen mit lauter Büchern und Heften unter einer Decke zu liegen. Aber es ist ja für einen guten Zweck, dachte sich Lotta und machte die Augen zu. Denn sie wollte noch ein wenig schlafen bis ihre Mutter reinkommen und sie wecken würde.
Es ist gar nicht so einfach einzuschlafen, wenn man vorhat, die Schule zu schwänzen und verloren gegangene Freunde zu suchen. Außerdem durfte die Bettdecke über den Büchern nicht verrutschen, denn sonst würde ihre Mutter sofort wissen, was Lotta vorhatte.

Als Nastassja Lupe um Viertel vor Sieben das Kinder-zimmer betrat und mit frischer Stimme „Lotta, Katja, aufwachen!“ rief, hatte Lotta kein bisschen geschlafen. Sie sprang sofort aus dem Bett, damit ihre Mutter gar nicht erst auf die Idee kommen konnte, ihr die Bettdecke wegzuziehen.
Ja, so war Nastassja Lupe, bei ihr musste es immer zack zack gehen, sonst musste man mit unangenehmen Folgen rechnen. Lotta wusste, warum ihre Mutter es immer so eilig hatte. Sie musste ja pünktlich zur Arbeit erscheinen, und vorher mussten die beiden Mädchen gewaschen und angezogen sein; Lotta wurde Richtung Schule auf den Weg gebracht und Katja im Kindergarten abgeliefert.
Zum Frühstücken hatten alle keine Zeit. Nastassja trank im Stehen einen Becher Kaffe und schmierte Schulbrote, während ihre Töchter sich im Badezimmer um den Platz am Waschbecken stritten. Wurde der Streit im Bade-zimmer zu laut, dann konnte es passieren, dass Alfred Lupe – so hieß Lottas Papa – aufwachte und aus dem Schlafzimmer brüllte:
     „Kann man hier denn nicht mal ausschlafen, in dieser Pufferbutze?!“
Manchmal war er so sauer, dass er ins Badezimmer kam und Lotta und Katja eine Ohrfeige verpasste. Dann schnauzte er seine Frau an:
     „Nastassja, es wär schön, wenn du endlich damit anfangen würdest, die Kinder zu erziehen!“
So früh des Tages hörte Nastassja solche Ratschläge nur sehr ungern und keifte zurück:
     „Du pennst jeden Tag bis in die Puppen, Alfred! Die ganze Arbeit bleibt an mir hängen. Schämst du dich gar nicht, hier am frühen Morgen so ne Nummer abzu-ziehen!“
Dann verkroch sich Lottas Papa meistens wieder in sein Bett und man hörte ihn nur noch kurz brummeln:
     „Weiber!“
Das waren Tage, die Lotta nicht mochte. Sie fand es gar nicht schön, von ihrem Vater eine Ohrfeige zu kriegen, und die schrille Stimme ihrer Mutter stach ihr in den Ohren.
Aber sie wusste auch, warum die Stimmung so schlecht war. Das kam daher, dass Papa keine Arbeit hatte und sein Leben sinnlos fand, wie er oft sagte. Ihr Papa tat ihr leid. Er hatte eine schöne Arbeit gehabt, auf die er sehr stolz gewesen war. Er hatte in einer großen Autowerkstatt Autos repariert, und er war einer der besten Leute gewesen.
     „Werkstattmeister war ich! Wenn einer von den Kollegen mit seiner Arbeit nicht weiter wusste, dann ist der zu mir gekommen, weil ich dieses Feeling für Motoren habe. Ich wusste immer, was zu tun war.“
So redete er oft.
Aber seit einem halben Jahr war es vorbei damit. Die Autowerkstatt war pleite gegangen, alle waren entlassen worden, und seitdem war Alfred Lupe kein Mensch mehr, wie seine Frau zu sagen pflegte. Immer wenn es am Morgen solche schrecklichen Momente im Badezimmer gegeben hatte, nahm Nastassja Lupe am Abend ihre beiden Mädels auf den Schoß und versuchte zu erklären, warum das passiert war.
Der Papa war am Abend auch ganz anders als am Morgen. Oft machte er dann mit Lotta und Katja eine Kissenschlacht oder er las ihnen sogar eine Gute-Nacht-Geschichte vor, obwohl er das eigentlich gar nicht so gut konnte.
Lotta wusste an solchen Abenden, dass es den beiden leid tat. Dann taten sie ihr wiederum leid. Manchmal sagte sie:
     „Morgen wird ein besserer Tag, Mama und Papa!“
Das stimmte. Der nächste Tag wurde fast immer besser, weil sich alle Mühe gaben.

Heute, an diesem Tag, der ein besonderer Tag werden sollte, war Lotta so schnell mit Waschen und Zähne-putzen und Anziehen fertig, dass sie sich beim besten Willen nicht mit Katja streiten konnte. Denn die lag immer noch im Bett, als Lotta schwungvoll und laut die Badezimmertür hinter sich zuschlug.
     „Lotta!“, ertönte es aus dem Schlafzimmer. „Was soll dieser Krach am frühen Morgen?“
Papa war aufgewacht!
     „Lotta!“, flüsterte ihre Mutter, so laut sie nur konnte. „Musst du deinen Vater aufwecken?! Muss es denn schon wieder Ärger geben?!“
Zu spät. Lottas Vater stand mit verstrubbelten Haaren und zerknittertem Schlafanzug im Flur und sah irgendwie sehr unfroh aus.
     „Lotta, du verflixtes Biest! Jeden Morgen das gleiche Theater mit dir!“
Ja, er war eindeutig der Ansicht, dass es schon wieder Ärger geben musste. Lotta sauste wie ein Blitz ins Kinder-zimmer, schnappte sich ihren Ranzen und raste an ihrem Vater vorbei zur Eingangstür der Wohnung.
     „Tschüss!“, rief sie. „Ich muss heute früher zur Schule. Ich hab Förderunterricht.“
Bevor noch irgendjemand etwas sagen oder gar hand-greiflich werden konnte, war sie schon raus aus der Wohnung und lief die Treppen hinunter. Sie hörte noch, wie ihre Mutter hinter ihr herrief;
     „Lotta, dein Schulbrot!“
Aber das war ihr jetzt egal. Schulbrot mit Ohrfeige, das wollte sie nicht. Außerdem hatte sie ja den Proviant aus der Speisekammer …
Das mit dem Förderunterricht stimmte natürlich nicht. Das war eine Notlüge gewesen und wie Lotta fand, eine Notlüge, die diesmal wirklich sein musste, denn sie brauchte ja einen Grund, um dem Ärger mit ihrem Vater zu entgehen.

Als Lotta auf der Straße angekommen war, atmete sie erleichtert auf. Die würden nicht hinterher kommen. Die hatten genug mit sich selber zu tun.
Sie setzte sich ihren Ranzen ordentlich auf den Rücken und marschierte los in Richtung Bootsanleger.
So ganz genau wusste sie nicht, wo der Bootsanleger war, nur so ungefähr die Richtung war ihr bekannt. Sie war da mal mit ihren Eltern gewesen, letztes Jahr in den Som-merferien, da hatten sie das Tretboot gemietet und eine schöne Runde damit gedreht. Anschließend waren sie noch am Flussufer spazieren gegangen und hatten einen Platz zum Picknicken gesucht. Und dann hatten sie auf einer Decke im Gras gesessen, ganz nah am Fluss, und hatten Frikadellen und Kartoffelsalat und eingezuckerte Erdbeeren und Marmorkuchen gegessen. Dazu hatten sie Apfelsaftschorle und Kaffee getrunken und es war allen sehr gut gegangen. Lotta war dann zwar noch kurz ins Wasser gefallen, weil sie einen Frosch fangen wollte und sich ein bisschen zu weit vorgebeugt hatte, aber das war gar nicht schlimm gewesen. Alle hatten gelacht. Papa hatte gerufen: „Oh, Lotta, willst du baden?“ und sie aus dem Wasser gezogen. Mama hatte ihr die nassen Sachen ausgezogen und Papa hatte sie in die Picknickdecke gewickelt und nach Hause getragen. Er hatte gesagt:
     „Lotta muss schwimmen lernen. Nastassja, können wir sie nicht zu einem Schwimmkurs anmelden? Hm, Lotta, möchtest du schwimmen lernen?“
Ja, da war die Welt noch in Ordnung gewesen, denn da war Papa ja noch ein Mensch gewesen mit Arbeit und Frühaufstehen und Freude am Leben.
Lotta lächelte, während sie an diesen Tag dachte. Wenn sie nur wüsste, was sie dafür tun könnte, damit es wieder so werden würde wie im letzten Sommer!

Während Lotta an bessere Zeiten dachte und munteren Schrittes in Richtung Fluss lief, wurde es langsam hell. Der Tag erwachte und mit ihm das Leben in den Straßen. Es würde ein sonniger Tag werden, denn am Himmel war kein Wölkchen zu sehen und hinter den Dächern der Wohnblocks würden gleich die ersten Sonnenstrahlen aufleuchten.
Lotta dachte an die Sonne und wie gut es doch war, dass sie jeden Morgen aufging und die Dunkelheit der Nacht vertrieb. Die Lehrerin hatte gesagt, dass die Sonne überall auf der Erde auf die Menschen herunterschien und alles mit ihrem Licht und ihrer Wärme umhüllte. Es gab Länder, in denen jetzt noch tiefe Nacht war, und andere, in denen es gerade Abend wurde. Da wurden die Kinder jetzt ins Bett gebracht.
Lotta dachte an die unzähligen Menschen überall auf der Welt, an die Kinder, die genauso alt waren wie sie selber. Sie fühlte im Innern ein kleines Glücksgefühl.
Wie viele von ihnen würde sie kennen lernen, wenn sie größer war?
Wo würde sie überall hinfahren?
Sie wollte später, wenn sie groß war, die ganze Welt kennen lernen und sehen, wie die Leute anderswo lebten. Sie wusste, es gab Kinder, die wohnten in Zelten statt in Häusern. Andere wohnten in ärmlichsten Hütten und hatten oft zu wenig zu essen.
Es gab auch Kinder, die wohnten am Meer, die konnten schon morgens, wenn die Sonne aufging, das Meer und die Schiffe darauf sehen. Andere wohnten in den Bergen, manche von ihnen fuhren sogar morgens mit der Seil-bahn zur Schule.
Dann gab es noch Kinder, die wohnten in Wohnwagen, weil ihre Eltern beim Zirkus waren. Das fand Lotta am tollsten. Ein Zirkuskind, das wäre sie gern selber, denn die Zirkuskinder hatten es ja besonders gut. Sie reisten mit ihren Eltern und all den Tieren und dem großen Zirkuszelt von einer Stadt zur andern. Immer konnten sie mit den Tieren spielen und sie füttern und versorgen; mal wohnten sie am Meer, mal in den Bergen, und zwischendurch durften sie sogar Kunststücke lernen und im Zirkus aufführen.
Lotta träumte vor sich hin und bemerkte erst nach einer Weile, dass die Gegend, durch die sie lief, ein wenig fremd aussah. Sie wusste nicht genau, wo sie war, und fragte eine Frau, die an einer Bushaltestelle stand und auf den Bus wartete, wo es zum Bootsanleger ging.
     „Du willst zum Bootsanleger?“, fragte die Frau. „Musst du denn nicht zur Schule, Kind?“
     „Ja, eigentlich muss ich schon zur Schule“, sagte Lotta. „ Aber ich will vorher am Bootsanleger was fragen.“
Sie überlegte. Was könnte sie am Bootsanleger fragen wollen? Ach ja:
     „Ich muss da wegen einem Schulausflug was fragen, hat meine Lehrerin gesagt.“
     „Wollt ihr mit eurer Klasse einen Ausflug zum Fluss machen?“, fragte die Frau.
     „Ja, genau, wir wollen nächste Woche einen Ausflug machen.“
     „Das ist aber eine schöne Idee von eurer Lehrerin“, sagte die Frau.
     „Finde ich auch“, sagte Lotta und lächelte charmant. „Unsere Lehrerin hat andauernd so gute Ideen. – Äh, wo muss ich denn langgehen?“
Die Frau erklärte ihr den Weg. Es war gar nicht mehr weit entfernt. Lotta bedankte sich für die Auskunft und ging weiter. Die Frau rief hinter ihr her:
     „Und recht viel Spaß beim Schulausflug!“

Kurz darauf war Lotta am Fluss.
Sie schaute auf die große, stille Wasserfläche, die in der ersten Morgensonne glitzerte. Es war in Wirklichkeit kein richtiger Fluss, keiner, in dem das Wasser schnell dahinströmte.
     „Eigentlich ist der Fluss ein See“, hatte Papa ihr im letzten Sommer erklärt. „Es ist ein toter Seitenarm der Havel. Die Havel, das ist der richtige Fluss.“
Lotta hatte es erstaunlich gefunden, dass Flüsse Arme haben können, und dazu auch noch tote. Sie hatte ihren Vater gefragt:
     „Hat der Fluss auch Beine und einen Kopf?“
Da hatte Papa gelacht und erklärt:
     „Nee, nee, Lotta, Beine und einen Kopf haben Flüsse nicht. Flüsse haben eine Quelle im Gebirge, wo sie ent-springen. Da kommt das ganze Wasser aus der Erde. Und dann haben sie ein Flussbett, in dem fließen sie dahin bis ins Meer. Das ganze Wasser fließt ins Meer.“
     „Und was ist dann ein toter Seitenarm?“, hatte Lotta gefragt.
     „So ein Seitenarm entsteht durch Überschwemmung bei Hochwasser. Immer wenn im Frühjahr der Schnee in den Bergen schmilzt und zu Wasser wird, wird der Fluss viel voller als sonst im Jahr. Das Wasser im Fluss steigt immer höher und höher und tritt über die Ufer.“
     „Du meinst, das Wasser fällt aus dem Bett?“
     „Ja, es fällt sozusagen aus dem Bett, weil es im Bett zu voll geworden ist. Dann breitet sich das Wasser auf dem Land rings um den Fluss aus. Und wenn nun irgendwo neben dem Fluss einen große Kuhle in der Landschaft ist, dann fließt das ganze Wasser in die Kuhle.“
     „Dann hat das Wasser noch ein Bett!“
     „Ja, es hat noch ein Bett, aber in dem neuen Bett bleibt es stehen. Es fließt nicht mehr weiter. So ein Nebenbett nennt man einen toten Seitenarm.“
     „Aber warum ist der denn tot?“, hatte Lotta gefragt. „Guck mal, hier ist doch nichts tot. Da sitzt ein Frosch, dort schwimmt ein Fisch und hier nistet ein Vogelpaar.“
     „Das sagt man nur, dass der Seitenarm tot ist, weil das Wasser still steht, weil es nicht mehr zum Meer fließen kann. Aber in Wahrheit ist hier gar nichts tot. Und jedes Jahr im Frühling bringt der Fluss wieder frisches Wasser in den Seitenarm, manchmal sogar soviel, dass der Boots-anleger überschwemmt wird.“
     „Aha, dann kriegt der Seitenarm also was zu trinken!“, hatte Lotta zufrieden festgestellt.

Nun stand Lotta am Ufer des Flusses, der kein richtiger Fluss war. Linkerhand führte der Weg am Ufer entlang zum Bootsanleger und zum Haus des Bootsverleihers. Das Haus leuchtete in warmem Gelb in der Morgen-sonne. Es sah richtig einladend aus.
Lotta wollte aber noch nicht zu dem Haus gehen. Sie kannte den Bootsverleiher nicht und wollte lieber auf Ernestine warten. Sie hatten ja verabredet, dass sie ihn fragen wollten, ob er Steffen und Will gesehen hatte.
Ernestine kam und kam nicht.
Ob sie etwa Angst bekommen hatte und doch zur Schule gegangen war?
Oder ob sie noch am Frühstückstisch saß und ihr Müsli aß?
Ernestine musste jeden Morgen Müsli essen. Bei Familie Ehrenpreis wurde immer ordentlich gefrühstückt, das wusste Lotta. Herr und Frau Ehrenpreis sagten immer: „Wenn wir schon so viel Arbeit haben und oft so lange außer Haus sind, dann wollen wir wenigstens in Ruhe mit unserer Ernestine frühstücken.“
Da Ernestine keine tüchtige Esserin war, musste sie sich jeden Morgen unter der Aufsicht ihrer Eltern ein ganzes Schälchen Müsli mit Milch reinstopfen. Beim Schulfrüh-stück in der Klasse hatte sie dann meistens gar keinen Hunger mehr und schenkte Lotta oder Steffen ihre Schulbrote.
Lotta fing an sich zu langweilen, während sie auf Ernestine wartete. Sie trat von einem Bein auf das andere. Schließlich vertrieb sie sich die Zeit damit, flache Steine zu suchen und über die Wasseroberfläche flitzen zu lassen.
Als ihr gerade ein besonders geschickter Wurf gelungen war, ertönte Ernestines Stimme:
     „Hi, Lotta, bist du schon lange hier?“
     „Ja, bestimmt schon ne Stunde. Ich bin ganz früh zuhause abgehauen, Papa ist nämlich aufgewacht.“
     „Ach so“, sagte Ernestine. Sie wusste, dass es nicht gut war, wenn Lottas Papa zu früh aufwachte. Sie fuhr fort:
     „Gehen wir jetzt zum Bootsverleiher?“
     „Ja, los“, sagte Lotta und guckte neugierig auf Ernestines Ranzen. „Was hast du  mitgebracht?“
     „Ich, äh ja, ich hab nicht so viel mitgebracht“, sagte Ernestine verlegen. „Gestern Abend bin ich extra lange wach geblieben und habe gewartet, dass ich in die Küche kann. Aber erst hat Mama da herumgewerkelt, und als Papa dann von seinem Vortrag nach Hause gekommen ist, haben Mama und er noch endlos lange in der Küche gesessen und über Steffen und Will geredet. Da bin ich dann irgendwann eingeschlafen. Und heute Morgen waren die schon wieder in der Küche und haben geredet und geredet.“
     „Ja, reden könnt ihr echt gut“, sagte Lotta und grinste ihre Freundin an. „Aber irgendwas Nützliches wirst du ja wohl mitgebracht haben.“
     „Ja, klar“, sagte Ernestine. „Ich habe ein bisschen was zu lesen mitgebracht. Ich dachte, wenn wir länger weg sind, dann wird ´s uns vielleicht langweilig. Für dich ein Pferdebuch, für Will ein Buch über Indianer in Amerika, und für Steffen wusste ich nicht so richtig, was den interessiert. Da habe ich ein Musiklexikon aus dem Bücherschrank im Wohnzimmer für ihn eingepackt. ,Musikinstrumente in drei Jahrtausenden’ heißt das.“
Lotta guckte entgeistert:
     „Wie bitte, du hast nichts außer Büchern mitge-bracht?“
Ernestine redete unverdrossen weiter:
     „Für mich selber habe ich das Buch ,Überleben in der Wildnis’ eingepackt. Das ist für den Notfall, falls wir im Wald übernachten müssen. Da steht drin, wie man aus Ästen eine Hütte bauen kann und welche Käfer essbar sind.“
     „Tine!“, rief Lotta. „Das kann nicht dein Ernst sein!“
     „Doch, klar ist das mein Ernst“, sagte Ernestine. „Außerdem  habe ich noch Papiertaschentücher, zwei Zahnbürsten, einen Kamm, ein Handtuch und ein Stück Seife dabei. Und Sonnenmilch, weil in dem Buch ,Überleben in der Wildnis’ steht, dass man oft unter Sonnenbrand leidet, wenn man den ganzen Tag draußen ist.“
Lotta schwieg. Dazu fiel ihr einfach nichts mehr ein. Sie hatte noch nie davon gehört, dass man im April Probleme mit Sonnenbrand haben konnte, aber sie wollte jetzt deswegen keinen Streit mit Ernestine anfangen.

Die beiden waren mittlerweile am Bootsanleger ange-kommen. Still und friedlich war es hier, kein Mensch weit und breit zu sehen. Lotta sagte:
     „Los, wir klingeln, der ist im Haus.“
Sie gingen zur Haustür des gelben Hauses, und Lotta drückte auf den Klingelknopf. Von drinnen erscholl lautes Hundegebell. Lotta und Ernestine schauten sich erschrocken an. Das Hundegebell klang ganz tief und sehr kräftig. Das musste ein großer Hund sein.
Die Tür ging einen Spalt breit auf. Durch den Spalt schaute unten eine Hundenase und oben eine Menschen-nase heraus. Der Mund unter der Menschennase sagte:
     „Ihr braucht keine Angst vor Wuffi haben. Er ist ein ganz lieber und ruhiger Bernhardiner. Ich mache die Tür jetzt auf.“
Wuffi hatte aufgehört zu bellen, und als die Tür weit aufging, stand er da ganz freundlich und wedelte mit dem Schwanz. Auch sein Herrchen lächelte freundlich und sagte:
     „Guten Morgen.“
     „Guten Morgen“, sagten Lotta und Ernestine im Chor.
     „Wer seid ihr denn, und was führt euch zu so früher Stunde hierher?“
Lotta trat Ernestine auf den Fuß und flüsterte:
     „Sag du es.“
Ernestine holte tief Luft und fing an:
     „Ich bin Ernestine Ehrenpreis und das ist Lotta Lupe, meine Freundin. Wir suchen nach unserem Klassen-kameraden. Der heißt Steffen Starkstrom. Und außerdem suchen wir nach Will Washington, der ist nicht in unserer Klasse, aber der hat gestern schon nach Steffen gesucht, und da hat er gesagt, dass er hierher zum Bootsanleger gehen wollte. Seitdem ist er auch verschwunden.“
Ernestine wollte weiter erzählen, aber der Bootsverleiher streckte ihr die Hand hin und sagte:
     „Ich bin Nobbi Nolte, der Bootsverleiher hier. Freut mich, dich kennen zu lernen, Ernestine Ehrenpreis.“
Er schüttelte ihr kräftig die Hand. Dann wandte er sich zu Lotta und streckte ihr ebenfalls die Hand entgegen:
     „Lotta Lupe, sei mir gegrüßt.“
Ja, Lotta bekam zu spüren, dass Nobbi gut Hände schütteln konnte. Sie war richtig froh, als er ihre Hand wieder losließ …
Nobbi fuhr fort:
     „Kommt rein, ihr zwei. Wir setzen uns in die Küche und reden über die Sache. Denn den Will, den kenne ich gut. Der war gestern Abend tatsächlich hier.“
Die Mädchen stellten ihre Ranzen im Flur ab und gingen hinter Nobbi Nolte her in seine kleine Küche. So eine niedliche Küche hatten sie noch nie gesehen. Der Fußboden war dunkelrot gestrichen und die Wände waren blauweiß gekachelt. Es gab einen alten, hölzernen Küchenschrank mit weißen Porzellangriffen und eine weißlackierte Eckbank mit blauweiß gestreiften Sitzkissen. Über dem Herd hing altmodisches Koch-geschirr aus Kupfer und Gusseisen.
     „Bitteschön, Kinder, setzt euch auf die Bank“, sagte Nobbi Nolte. „Möchtet ihr einen Kakao?“
Die beiden nickten. Nobbi holte zwei dicke, dunkelblaue Tassen aus dem Schrank und stellte sie vor den Mädchen auf den hellen Holztisch. Dann nahm er eine weiße Kanne mit blauen Pünktchen aus dem Kühlschrank und stellte sie ebenfalls auf den Tisch.
     „Die Milch. Wollt ihr warmen oder kalten Kakao?“, fragte er.
     „Warmen“, sagten beide gleichzeitig.
Nobbi goss die Milch in einen schwarzen Henkeltopf und stellte den Topf auf den Herd. Er nahm eine weiße Dose von einem Hängebord und stellte sie auf den Tisch.
     „Da ist das Kakaopulver drin, und hier habt ihr noch zwei Löffel. Bitte, bedient euch. Die Milch ist auch gleich warm.“
Er selber setzte sich auf einen Stuhl an seinen Platz, wo er sich gerade ein kleines Frühstück aufgedeckt hatte.
     „Möchtet ihr auch etwas essen?“
     „Nein, danke“, sagten die beiden. Ernestine war noch bis obenhin voll mit Müsli, und Lotta war zu aufgeregt zum Essen. Sie schaute in der Küche herum und sagte:
     „Du hast aber eine schöne Küche, Herr Nolte!“
     „Nobbi“, sagte Nobbi Nolte, „ihr könnt ruhig Nobbi zu mir sagen. So nennen mich alle Kinder.“
Er stand auf und goss die dampfende Milch aus dem schwarzen Topf in die beiden blauen Becher.
     
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Re: Wichtig: Bitte zuerst lesen!
Antwort #14 - 08.01.10 um 09:15:12
 
     „So, wohl bekomm ´s“, sagte er. „Ja, meine Küche, die mag ich selber auch sehr. Es gab mal einen berühmten Maler, der hatte genau so eine Küche, aber eine viel größere, denn der hatte ganz viele Kinder. Ich habe mir gesagt, wenn ich schon keine Kinder habe, dann kann ich ja wohl wenigstens so eine schöne Küche haben.“
     „Und? Hat der Maler deine Küche auch schon mal gesehen?“, fragte Lotta.
     „Nein, das geht schlecht. Der ist schon lange tot. Claude Monet hieß er.“
     „Aber der würde sich bestimmt freuen, dieser Klomonnee, wenn er sehen könnte, dass du genauso eine schöne Küche hast wie er“, sagte Lotta und lächelte Nobbi an. Nobbi lächelte zurück und nickte. Dann schmierte er sich eine Scheibe Brot und goss sich eine Tasse Tee ein. Er ließ ein paar Stückchen braunen Kandiszucker in seinen Tee fallen und fing an umzurühren. Er rührte und rührte und runzelte dabei die Stirn. Die Mädchen rührten ebenfalls in ihren Tassen und warteten darauf, dass er etwas sagen würde. Schließlich hörte er auf zu rühren, legte den Löffel neben seine Tasse und sagte:
     „Hm, ihr sucht also euren Klassenkameraden Steffen und meinen Freund Will.“
     „Will ist dein Freund?“, fragte Ernestine.
     „Ja, er hilft mir ganz oft bei meinen Arbeiten mit dem Bootsverleih oder auch mal im Kiosk. Wenn ich samstags Kasperletheater aufführe, dann baut er die Zuschauer-bänke auf oder er sammelt nach der Aufführung in einem Körbchen Geld von den Zuschauern ein. Er ist ein fleißiger Junge, und im Laufe der Zeit sind wir Freunde geworden.“
     „Er will Präsident von Amerika werden“, sagte Lotta.
     „Ja, das weiß ich. Das soll er mal ruhig machen. Er wird bestimmt ein tüchtiger Präsident“, sagte Nobbi und schmierte sich die nächste Scheibe Brot. Dann schaute er Lotta und Ernestine mit einem sehr aufmerksamen Blick über seine Brille an.
     „Aber nun, ihr beiden, nun erzählt ihr mir mal ganz genau, was mit Steffen los ist und warum Will den suchen musste, und vor allem …“, er machte eine kleine Pause, „… vor allem möchte ich wissen, warum ihr eure Ranzen dabei habt und trotzdem nicht in der Schule seid.“
Abwechselnd erzählten Lotta und Ernestine die ganze Geschichte, während Nobbi sich in aller Seelenruhe drei weitere Scheiben Brot einverleibte. Als sie fertig waren mit Erzählen, sagte Nobbi:
     „Aha, soso. Jetzt verstehe ich das alles viel besser.“
Dann erzählte er den beiden Mädchen alles von Wills abendlichem Besuch bei ihm. Zum Schluss sagte er:
     „Bevor Will gestern Abend gegangen ist, hat er mir ganz fest versprochen, heute früh bei mir vorbei zu kommen und mir zu berichten, ob das alles gut gegangen ist mit seinem kranken Freund. Das ist es, was mich jetzt ein wenig beunruhigt. Es ist jetzt schon beinahe zehn Uhr und er hätte längst hier sein müssen. Ich wundere mich sehr, warum er nicht kommt. Das passt überhaupt nicht zu ihm, dass er ein Versprechen nicht einhält.“
Lotta guckte Nobbi aus großen Augen an und flüsterte:
     „Und wenn sie nun gekidnappt worden sind?“
     „Tja“, sagte Nobbi und kratzte sich hinter seinem linken Ohr. „Ich denke, wir müssen was unternehmen.“
     „Ja, aber was nur?“, fragte Ernestine. „Wenn wir jetzt bei der Polizei anrufen, dann kriegen wir doch alle einen auf den Sender, weil wir so lange damit gewartet haben.“
     „Du bist ein kluges Kind, Ernestine“, sagte Nobbi. „Jetzt die Polizei anzurufen, das wäre ziemlich peinlich. Das kommt nicht in Frage.“
     „Ja, aber was können wir sonst tun?“, fragte Lotta und sah sehr besorgt aus.
     „Pass auf, Lotta“, sagte Nobbi, „die Polizei setzt ja sehr oft Hunde ein, wenn sie eine vermisste Person sucht.“
     „Ja, weil Hunde so eine feine Spürnase haben“, sagte Lotta. „Die riechen das, wo einer langgegangen ist, oder sie können einen in einem Versteck aufspüren.“
     „Siehst du, und deshalb habe ich mir bereits gestern Abend erlaubt, es genauso zu machen wie die Polizei“, sagte Nobbi und lehnte sich zufrieden grinsend zurück. „Will hat nämlich meinen Wuffi zum Abschied umarmt. Davon hatte Wuffi seinen Geruch in der Nase. Nachdem Will ein Weilchen weg war, brauchte ich nur zu Wuffi sagen: Such Will! Da wollte mein lieber Wuffi sofort zur Tür hinaus und nach Will suchen.“
Er kraulte den Bernhardiner, der neben seinem Stuhl auf dem Boden lag, am Kopf und sagte:
     „Wuffi, das haben wir prima hingekriegt, wir zwei.“
Wuffi nieste zur Bestätigung zweimal und fing wieder damit an, mit dem Schwanz zu wedeln.
     „Ja, du bist ein gutes Hundchen.“
     „Wie, das heißt, du weißt, wo Will und Steffen über-nachtet haben?“, fragte Lotta erstaunt.
     „Natürlich weiß ich das. Und ich schlage vor, dass wir da jetzt zusammen hingehen und feststellen, was los ist und warum Will nicht kommt.“
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